Monatsarchiv Juli 2008

Es folgen alle Einträge, die im Juli 2008 veröffentlicht wurden.


Thema Abnehmen: Zwischen zwei Extremen

31. Juli 2008

Man findet auf der Meinungswiese des WWW zum Thema Abnehmen fast ausschließlich nur zwei extreme Positionen: Auf der einen Seite der Diätenwahn, am Leben gehalten durch ständig neue Wunderdiäten, die schnellen Erfolg versprechen, aber natürlich nur Nonsens sind. Nach Low-Fat kam Low-Carb und dazwischen allerlei Abfall von scheinseriösen Pseudoexperten.

Weil das natürlich kaum langfristig gut geht, flüchten frustrierte Dicke in Selbstlegitimationen mit der argumentativen Standfestigkeit eines nassen Kartenhauses: Genetische Disposition, unterschiedliche Nahrungsverwrtung und eine Unmenge weitaus absurderer Erklärungen. Auch drastisches Übergewicht sei kein Gesundheitsrisiko. Das sei nur eine Erfindung der Diätindustrie. Natürlich sind alle diese Behauptungen ohne medizinische Evidenz; aber leider zu oft mit dem Rückhalt wissenschaftlich wertloser Scheinexpertisen.

Das soll mir egal sein. Jeder darf machen, was er will und sein Seelenheil in der Selbstlegitimation seiner Wahl suchen. Der Kampf durch die Mühle der Abnehm-Gurus und die soziale Belastung Übergewichtiger ist sicher keine leichte Bürde.

Aber wenn ich wie heute sehe, dass eine stark übergewichtige Mutter ihrem stark übergewichtigen Sohn am Bahnhofsstand ein übelst fettiges Stück Pizza kauft, weil der Kleine Appetit darauf hatte, dann kann ich mir ein verzweifeltes inneres Augenrollen nicht verkneifen. Ich würde mein offenes Fenster (bei der aktuellen Wärme mein wertvollstes Gut…) darauf verwetten, dass die Frau eine Vertreterin der dicken Selbstbeschwichtiger ist. Das arme Kind kann einem leid tun, denn sozialer Kummer und gesundheitliche Schäden vor allem am in der Entwicklung befindlichen Haltungsapparat sind praktisch unvermeidbar.

Was scheinbar nur wenige Leute sehen – wenn man sich zumindest Webforen zu diesem Thema anschaut – ist der Weg der Mitte; das was medizinisch belegt ist: Gesunde, kalorienbewusste, aber vollwertige Ernährung und sportliche Betätigung an der persönlichen Leistungsgrenze heilen schweres Übergewicht. Und sie vermeiden den Jojo-Effekt. Der entsteht nur durch Muskelschwund, welcher wiederum durch Eiweißmangel während einer Crashdiät und fehlendes Muskeltraining – in Form eines funktionalen Krafttrainings – entsteht.

Ja, so einfach ist das. Punkt. Kaum ein Vertreter beider Extreme hat diesen Weg mal ausprobiert. Bevor ein Angesprochener jetzt “Typisch, Klugscheißer” denkt, soll er es einfach mal ausprobieren. Und nein, Nordic Walking ist kein intensives Muskeltraining. Drei Mal die Woche 30 Minuten Gewichtsübungen im Kraftausdauerbereich schon. Und ja, eine Woche Training reicht nicht. Ein Monat reicht auch nicht. Zieht es ein Jahr konsequent durch. Ich kenne keinen einzigen, bei dem es nicht funktioniert hat.

Gerade für Kinder ist diese Art von Sport kein Problem.

Und die Erwachsenen sollen leben, wie sie wollen. Aber verarscht euch nicht selbst.


Rauchverbote behindern die Berufsfreiheit?

30. Juli 2008

Das meinen zumindest die Verfassungsrichter. Kleine Kneipen können wegen Platzmangel keine Raucherräume anbieten und wären damit gegenüber großen Betrieben im Nachteil, die dank Ausnahmereglung Raucherräume einrichten dürfen.

Aha.

Behindert das Rauchen nicht auch die Berufsfreiheit von nichtrauchenden Kneipenangestellten, die das Gepaffe in einräumigen Lokalen nun doch weiter auf ihre Gesundheit nehmen müssen?

Wie auch immer, man sollte viel weiter gehen und den Tabakverkauf nur noch an nachgewiesene Raucher genehmigen. Wegen mir nur an Leute, die vor 1990 geboren wurden, um die Reglung zu vereinfachen. Alle anderen dürfen nicht. Auf lange Zeit würden die Raucher einfach und endlich aussterben.

Der einzige Grund gegen eine solche Reglung, wäre der Widerstand der Tabaklobby. Aber eine Industrie, die ein Genussmittel herstellt, welches unbeteiligte Menschen gegen ihren Wunsch stark belästigt und auch schädigen kann, hat auch in einem liberalen Weltbild keine Existenzberechtigung.


Protein / kg

29. Juli 2008

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schreibt folgendes:

Ziel des Aufbautrainings ist in der Regel die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und damit meist die Vergrößerung der Muskelmasse. Es ist evident, dass Muskelaufbau den Proteinbedarf erhöht. Die Größenabschätzung zeigt jedoch, dass die für den Aufbau erforderliche zusätzliche Proteinzufuhr sehr gering ist. Durch Veränderung des Lebensstils mit verstärkter sportlicher Aktivität ist im Laufe eines Jahres eine Vergrößerung der Muskelmasse um 2 kg erreichbar. Dazu müssen nur 400 g Protein eingebaut werden, denn Muskeln bestehen zu 80 % aus Wasser. Das entspricht einem täglichen Zuwachs von 1,1 g. Unter Berücksichtigung weitestgehender Sicherheitszuschläge von 100 % sind nicht mehr als 2,2 g pro Tag an zusätzlicher Proteinzufuhr erforderlich. Das sind etwa 0,03 g pro kg Körpergewicht und damit weniger als 5 % der empfohlenen täglichen Proteinzufuhr. Die durchschnittliche Mischkost bei Sport treibenden Personen enthält unter Berücksichtigung des zusätzlichen Energiebedarfs etwa 100 g Protein pro Tag. Mit dieser Ernährung wird mehr Protein zugeführt, als selbst unter extremem Training für den Aufbau von Muskelmasse benötigt wird.

Alles andere dürfte wohl mehr Placeboeffekt sein, als irgendwas anderes. Höhere Empfehlungen bringen wohl nur der Supplements-Industrie einen Benefit.


Selbsterklärender Code

28. Juli 2008

Es kann sehr nervig sein, fremden Code zu verstehen. Gerade wenn es so übelst schwül ist, wie heute. Den Autor dieses Codes sollte man seine eigene Tastatur fressen lassen (ohne Salz oder Ketchup):

    protected void verifyAntwortB(){
        timerZeit.stop();
        String tmpsa1[]=new String[4];
        String tmpsa2[]=actQuiz.getFrage().getAntworten();
        int tmpi;
        for(int i=0;i<4;i++){
            tmpi=((Integer)antworten.get(i)).intValue();
            tmpsa1[i]=tmpsa2[tmpi];
        }
        boolean tmpb=actQuiz.verifyAntwort(tmpsa1,phasenZeit);
        guiQuizSpielen.showErgebnis();
        if(tmpb)guiQuizSpielen.updateErgebnis("Rrichtig!");
        else guiQuizSpielen.updateErgebnis("Falsch!");
    }

Schon der Methodenname ist absurd. Das Vermischen von Englisch und Deutsch ärgert bei gutem Willen erstmal nur die sprachliche Ästhetik. Das “B” im Methodennamen ist hingegen völlig bescheuert: es soll nämlich nicht bedeuten, dass hier die Antwort B (und nicht etwa Antwort A, oder Antwort C) verifiziert wird, sondern dass die Methode eine zur Methode “verifyAntwort()” verwandte neue Methode ist.

Und sich aus tmpsa1 ein “Temporary String Array Nr. 1″ zu denken, bringt im folgenden das weitere Verständnis auch nicht wirklich weiter. Die Namensgebung der GUI-Elemente schlägt alles. Sie wurden nicht nach ihrer Funktion, sondern nach ihrem Index in der View-Hierarchie benannt – actbut_2_4_2 z.B.

Wo zum Geier bekommt man so was beigebracht?


Virtuelle Kriegsspiele

23. Juli 2008

Eine entfremdete Wahrnehmung der Realität als Folge virtueller Parallelrealitäten ist ein Thema, das man eigentlich mehr in Verbindung mit Computerspielen, insbesondere mit Darstellungen von Gewalt oder Onlinespielen mit suchtähnlichen Auswirkungen, in Verbindung bringt. Diese Debatten erscheinen mir meist überzogen und plakativ; sie leiden meistens unter dem geringen Fachwissen der Debattanten.

Im Focus, den ich heute während des Trainings durchblättert habe, fand sich eine ganz andere Geschichte von virtuellen Realitäten. Eine, die wirklich beunruhigt.

Das Foto zeigt eine Amerikanische MQ-1 Predator Kampfdrohne: Ein ferngesteuertes Kampfflugzeug, bewaffnet mit vier Bomben und zwei Bodenrakten; ein Mensch ist nicht an Bord. Ihr Pilot sitzt in der Heimatbasis in „einem klimatisierten Raum, in einem bequemen Sitz“ und steuert die Drohne über Joystick und Bildschirm.

Die Predators werden vom US-Militär in jedem größeren Konflikt eingesetzt. Auch im Irak und in Afghanistan. Sie sind um ein Vielfaches billiger, als herkömmliche Kampfflugzeuge. Und wenn sie abgeschossen werden, verliert kein Pilot sein Leben – nur das Bild auf seinem Bildschirm.

Der Operator einer Predator berichtet im Focus: Er sei während des Dienstes oft in Gedanken bei anderen Sachen, z.B. bei der Milch, die er für seine Frau noch schnell einkaufen soll. Man fühle sich schon ein wenig wie Gott, wenn man die Menschen unter der Drohne bei ihrer Arbeit beobachten könne. Entdeckt er dabei einen Partisanen beim Aufbauen eines Geschützes, wird dieser einige Sekunden später per Knopfdruck von einer Hellfire-Rakte ausgelöscht. Während der Pilot sicher und bequem in seinem Büro sitzt.

Es stellt sich automatisch die Frage, ob hier die Wahrnehmung des Tötens noch ungefiltert beim Täter ankommt, wenn dieser halb losgelöst vom eigentlichen Geschehen und ohne Gefahr für sich selbst die Tat nur über einen Monitor verfolgen kann – ohne direkt mit seiner Tat und den Folgen konfrontiert zu werden. Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Hemmschwelle zum Töten durch diese Abstraktion des Krieges nicht sinken solle.

Ein Pilot, der über seine Einkaufsliste nachdenkt, während er nebenbei den Boden nach Zielen absucht, ist zumindest keine schöne Vorstellung.

Fest steht, dass die virtuelle Kriegsführung die herkömmliche Kriegsführung immer weiter ersetzten wird – und wir Informatiker direkt oder indirekt unseren Beitrag dazu leisten. Eine recht unbequeme Vorstellung. Vor allem weil die Gegner der Drohnen keine weiteren Drohnen, sondern Menschen sind.