Monatsarchiv Januar 2009

Es folgen alle Einträge, die im Januar 2009 veröffentlicht wurden.


Bullshit aus der Bibel, Teil I

30. Januar 2009

Jahwe sagte zu Mose: „Wenn du die Gesamtzahl der Israeliten ermittelst, dann soll jeder Gemusterte Jahwe ein Lösegeld für sein Leben zahlen, damit bei der Musterung keine Seuche über das Volk kommt.“

– 2. Mose, 30:11-12

Da sage noch einer, die Ablassbriefe der Kirche wären nur ein tragischer Missbrauch des Herrn gewesen.

[Altes-Testament-Disclaimer]


Einstein und Gott

29. Januar 2009

In Diskussionen um das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion, kommt zwingend irgendwann die Eintein-Karte. Am häufigsten wird wohl folgendes zitiert:

Gott würfelt nicht.

Die Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm, die Religion ohne Naturwissenschaft aber ist blind.

Einstein meinte damit aber kaum das Christentum, das Judentum oder irgendeine andere der verbreiteten Religionen. Er war Pantheist. Das ist eine Art aufgebohrter Naturalismus. Pantheisten verneinen Übernatürliches, sehen aber in der Natur selbst etwas spirituelles, was sie als göttlich bezeichnen, ohne es für eine persönliche Intelligenz zu halten oder für etwas, was man anbeten könne.

Einstein sagte somit auch solche Sachen:

Religion sollte nichts mit Angst vor dem Leben oder Angst vor dem Tode zu tun haben, sondern sollte vielmehr ein Streben nach rationaler Erkenntnis sein.

Das Wort Gottes ist für mich nicht mehr, als der Ausdruck und das Produkt menschlicher Schwächen. Die Bibel ist eine Sammlung ehrbarer, aber dennoch primitiver Legenden, welche doch ganz schön kindisch sind. Keine Interpretation, wie feinsinnig sie auch sein mag, kann das (für mich) ändern.

Für mich ist die jüdische Religion wie jede andere der Inbegriff des kindischsten Aberglaubens. Und das jüdische Volk, dem ich gerne angehöre und dessen Mentalität ich mit einer großen Verbundenheit gegenüberstehe, hat für mich keine andere Qualität als alle anderen Völker. So weit meine Erfahrung reicht, sind sie nicht besser als andere Gruppen von Menschen, obwohl sie von den schlimmsten Krankheiten durch einen Mangel an Macht beschützt werden. Davon abgesehen kann ich nichts ‚Außerwähltes‘ an ihnen erkennen.

Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzete Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.

Dein Ressentiment gegen den persönlichen Gott, von dessen Nicht-Existenz du ja wie auch ich überzeugt bist, hat mich inigermassen erstaunt. Diese Haltung trifft man meistens bei Personen, die sich nicht ohne Kampf von diesem Prunkstück altväterlicher Erziehung in jungen Jahren freigemacht haben.


Komplexität automobiler Software

28. Januar 2009

Ich schreibe ja gerade meine Diplomarbeit über das Thema der Modellierung von Produktlinien automobiler Software. Klingt trocken? Ist nicht so. Man kann es sehr einfach modellieren. Stellt euch die Software in einem Auto als eines großen Haufen verschiedener einzelner Funktionen vor. Das können z.B. die Zentralverrieglung und ihre Teilfunktionen, wie das Verriegeln der linken Tür und die Steuerung des dafür zuständigen Elektromotors sein. Verbindet nun in Gedanken alle jene Funktionen mit einem Strich, die irgendwie miteinander zu tun habe. Also z.B. die Funktion des Navigationsystems, eure Position zu bestimmen, mit der Funktion des GPS-Steuergeräts und der Funktion der Signalantenne. Als Ergebnis bekommt ihr ein sg. Bordnetz; das Netzwerk aller Fahrzeugfunktionen und ihrer Abhängigkeiten. Das sieht dann z.B. für einen wenige Jahre alten BMW so aus:

bmw_bordnetz_komplexitaet

Jetzt habt ihr ungefähre Vorstellung, wie komplex recht normale Fahrzeugsoftware ist. Wenn ihr in einer aktuellen Mercedes S-Klasse die Fahrertür öffnet, werden über 50 verschiedene Systeme angestoßen. Dieses Chaos zu verstehen und zu beherrschen, es so darzustellen, dass man praktisch etwas kapieren kann, darum geht es.

Dieses Bordnetzwerk ist im Vergleich zu unserem Gehirn übrigens von absurd lächerlicher Komplexität. Wie ein Sandkorn im Vergleich zu einem Strand. Wenn man diesen Vergleich konkret vor Augen geführt bekommt, fragt man sich jedes Mal, warum Gegner des Naturalismus ein solch faszinierendes und unfassbar komplexes Netz aus hunderten von Millarden von extrem stark vernetzten Neuronen als „nur Atome und bewegte Materie, aus dem keine Seele entstehen kann“ abwerten.


Wir sind ein kleines blaues Staubkorn

26. Januar 2009

Ein Video von Carl Sagan bei 81679.net hat mich an ein weiteres großartiges Video von ihm erinnert:

Wundervolle Rede über die Arroganz des Menschen, das Universum mit der Vorstellung herabzuwürdigen, ein Gott habe das alles für und wegen uns erschaffen.


Indiziertes Pro-Ana-Blog: Nachträgliche Gedanken

25. Januar 2009

Die Geschichte hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt, unter anderem eine ziemlich lange Diskussion bei Spreeblick, in deren Rahmen ich Johnnys Standpunkt verteidige. Das Thema weckt Leidenschaft und Emotion, nicht nur wegen der wichtigen Sorge vor Zensur – als solche haben viele Blogger die Indizierung aufgefasst –, sondern auch wegen des Themas Magersucht. Bei war es zumindest der Fall, da ich diese Krankheit mehr als einmal in meinem Umfeld erlebt habe.

Ich will noch einige letzte Gedanken zu dem Thema aufschreiben.

Pro Ana

Ich schrieb, dass Pro Ana nicht toleriert werden dürfe. Das liest sich mittlerweile etwas missverständlich. Natürlich ging es mir dabei nicht um die Toleranz gegenüber den Menschen und ihrem Leben mit der Krankheit, das ein ganz individueller Kampf ist. Mir ging es um die Pro-Ana-Texte. Im weiteren Sinne auch um Foren, in denen die Kultur der Texte radikal gelebt wird. (Foren, in denen die Erkrankung ernst genommen wird, sind hingegen sehr wichtig.)

Welchen Wert die Texte für diejenigen auch haben mögen, die sie publizieren… ich halte es für rücksichtslos und unverantwortlich, sie frei zu posten. Schlimm, wenn man das tut und sich des Krankheitswertes der Magersucht bewusst ist. Nur wenig schlimmer, wenn man diesen schlicht ignoriert. In diesem Fall können Worte wie Waffen sein, wenn sie einen jungen Erkrankten in einer besonders schwachen Phase treffen. Das ist meine persönliche, hautnahe Erfahrung. Studien zu diesem Thema sind rar.

Eine dem Gefahrenpotential kritisch gegenüber stehende Studie (deren vollständigen Text ich nicht finden konnte) hat meiner Meinung nach den Fehler gemacht, alle Besucher dieser Seiten zur Zielgruppe der Untersuchung zu machen. Aber es ging nie um wirklich alle Besucher. Es ging immer nur um die jungen, labilen Besucher. Wenn hier keine Unterscheidung getroffen wird, verwässert die Aussagekraft. Dem gegenübergestellt soll in den nächsten Wochen eine Studie der Uni Freiburg veröffentlicht werden, die das Gefahrenpotential gegenüber Jugendlichen für begründet hält, sich aber gegen Schließungen der Seiten ausspricht, solange diese eine psychologische Begleitung des Forums akzeptieren.

Indizierung und Zensur

Ich bin allgemein kein Freund der Indizierung, denn sie ist wirkungsarm und in vielen Fällen überzogen. In diesem Fall kann ich die Begründung aber absolut nachvollziehen. In diesem Fall war die Indizierung ein Schritt der Notwendigkeit. Den Antrag, der sie angestoßen hat, zu ignorieren wäre nicht nur falsch gewesen, sondern hätte auch dem Grundgebot des Jugendschutzes widersprochen. Die BPjM hätte nicht anders handeln können und sollen.

Dass in Folge dessen das Blog nicht einfach für Jugendliche gesperrt, sondern gelöscht wurde, liegt nicht an der Indizierung an sich, sondern an den schlechten Rahmenbedingungen, die keine einfache, kostenlose und adequate Altersverifikation oder eine andere Art von Sicherheitsmechanismus ermöglichen. (Abgesehen davon war die Autorin des Blogs eventuell selbst minderjährig.)

Ich verstehe die Sorge vor Zensur. Gerade wenn parallel mit dem Datenschutz und der staatlichen Kontrolle viel Scheiße gemacht wird. Stichwort Vorratsdatenspeicherung, Stichwort Filtersoftware gegen Kinderpornographie bei Internetprovidern, die einmal Installiert auch für jede andere Art von Filterung missgebraucht werden könnte.

In diesem Fall ging es aber nicht um einen allgemeinen Jugendschutz, sondern um den speziellen Schutz einer speziellen Gruppe von Jugendlichen, mit einem Hang zu einer gefährlichen Erkrankung.

Diese konkreten Fälle machen eine allgemeine Diskussion zum Thema Jugendschutz im Internet schwierig. Sie aber als populistischen Aufhänger abzutun und sich in bequemen politischem Lagerdenken bzw. Extrempositionen wie Informationsanarchie oder totalitärer Kinderkontrolle zu verschanzen, bringt niemandem weiter. Ich fand die Hysterie in vielen Blogs – z.B. bei Stefan, der aber auch die unsinnigen Nebenfolgen einer Indizierung aufzeigt – bedauerlich, denn sie wird dem Thema nicht gerecht. Wie Johnny am Ende seines Artikels richtig feststellte, ist es eine schwierige Diskussion, der sich die Gesellschaft stellen muss, um Lösungen zu finden, die über wirkungsarme Indizierung und vereinfachendes Schwingen der „Achtung, Zensur!“-Keule hinausgehen.