Kreati(diot)onisten und Stochastik
7. Februar 2009
Kreationisten haben ja eine bunte Menge pseudowissenschaftlicher Intelligenzbeleidigungen Scheinargumente in ihrem Repertoire. Das Hantieren mit Wahrscheinlichkeiten ist bei ihnen besonders beliebt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Universum wäre aus Zufall entstanden, sei astronomisch gering. Die Wahrscheinlichkeit, das Leben sei aus Zufall entstanden, sei astronomisch gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass die kosmologischen Konstanten aus Zufall das Leben begünstigen, sie astronomisch gering. Und so weiter.
Was Kreationisten völlig ignorieren:
- Natürliche Prozesse folgen Regeln. Simplen Regeln auf fundamentaler Ebene, die sich emergent zu komplexen Regelsystemen kombinieren. Es ist absurd, allen aufzählbaren „Entscheidungsmöglichkeiten“ die gleiche Wahrscheinlichkeit zuzuordnen.
- Natürliche Prozesse haben kein konkretes Ziel. Aus ihren Systemeigenschaften lassen sich grobe Prognosen auf ihre Entwicklungsrichtung ableiten. Mehr nicht. Einem Prozess eine unmögliche Wahrscheinlichkeit zuzuordnen, weil ein einzelnes seiner Ergebnisse für sich unwahrscheinlich ist, ignoriert völlig die Tatsache, dass die Summe aller möglichen (evtl. sogar unendlich vielen) Ergebnisse wieder wahrscheinlich ist.
Ein Beispiel: Ich stehe an einer Klippe und werfe einen Ball hinunter.
Erstens: Nach kreationistischer Denkweise müsste ich nun für jede Richtung im dreidimensionalen Raum die gleiche Wahrscheinlichkeit angeben, dass der Ball sich in diese Richtung bewegen könne. Der Ball könne also mit gleicher Wahrscheinlichkeit nach oben wie nach unten fallen. Das ist natürlich total absurd. Wir besitzen fundiertes und belegtes Wissen über die Gravitation. Wir haben dieses Wissen in unfassbar vielen Versuchen getestet und verifiziert. Wir können den Fall des Balles also berechnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball nach unten fällt, ist damit unfassbar viel höher (100%) als die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball nach oben fällt (0%).

Zweitens: Nach kreationistischer Denkweise müsste ich weiterhin nur einen einzigen konkreten Bewegungspfad des Balles als gültig akzeptieren. Kreationisten sehen den liegenden Ball und erklären seine exakte Position als die einzig mögliche. Da sich der Bereich, in den ich den Ball hätte fallen lassen können, mit einer beliebig (= unendlich) feinen Skala einteilen lässt, kann ich für die in Nachhinein beobachtete (beliebig fein messbare) Position des Balles eine unendlich geringe Wahrscheinlichkeit angeben. Die Erklärung durch Gravitation ist damit falsch und der Ball kann nur von Gott an seine Stelle gelegt worden sein. Aber das ist natürlich absurd. Der Ball hätte abhängig von minimalen Varianzen des Falles an jeder der unendlich vielen Stellen gelandet sein können. Und jede dieser Positionen lässt sich mit der Gravitationstheorie erklären.
Das gleiche gilt nicht nur für die Gravitationstheorie, sondern für die Evolutionstheorie, die Entstehung des Universums und die Qualität seiner Konstanten. Kreationisten scheitern daran, sich die möglichen Alternativentwicklungen vorzustellen und die Systemzusammenhänge zu begreifen.


5 Kommentare zu diesem Eintrag
Ultimativpaul am 7. Februar 2009 um 16:50
Maerchenwelt am 7. Februar 2009 um 22:52
Toni am 7. Februar 2009 um 23:01
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Ultimativpaul am 8. Februar 2009 um 00:48
Toni am 8. Februar 2009 um 01:10
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