Kreationismus in Deutschland

20. Februar 2009

Die Studie der TU Dortmund, nach der jeder achte Lehramts-Student die Evolutionstheorie ablehnt, dürfte bekannt sein. Bei SpON kann man gerade ein Interview mit Professor Dittmar Graf, dem Fachsprecher für Biologie an der TU Dortmund, lesen, in dem er über diese Studie und Kreationismus in Deutschland redet. Interessant finde ich folgenden Absatz.

Zwar hängen religiöse Überzeugung und Evolutionsskepsis zusammen. Aber viel stärker wirkt sich ein naives Wissenschaftsbild aus. Knapp 15 Prozent der befragten Erstsemester haben keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert. Da wird gesagt: “Wissenschaft ist doch auch nur dogmatisch.” Viele stellen sich vor, wir würden Steinchen für Steinchen ein großes Mosaik der Wahrheit zusammensetzen. Sie wissen schlicht nicht, dass jedes wissenschaftliche Wissen immer nur vorläufig ist und jede Aussage überprüfbar sein muss.

Wenn jemand nach 13 Schuljahren noch nicht einmal ahnt, wie Wissenschaft funktioniert, dann läuft dort etwas schief. Vielfach thematisiert die Schule Wissenschaftstheorie überhaupt nicht. Sie muss das Thema Evolution umfangreicher angehen – und vor allem früher, nicht erst in der 9. und 10. Klasse.

Generation Blöd. Dass Wissenschaftstheorie in der Schule viel zu kurz kommt, ist sehr richtig. Wenn ich mich an meine Schule erinnere, ging es in Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, etc. eigentlich immer nur um das Auswendiglernen von Stoff. Kein Wunder, dass man da ein dogmatisches Wissenschaftsbild bekommt. Wenn dann noch die Religion ins Spiel kommt, scheinen viele Unsinn von Vernunft nicht mehr trennen zu können.

Der Trend zu kreationistischem Gedankengut ist ungebrochen. Nehmen Sie nur die Anzahl solcher Gruppen, Foren und Seiten im Internet. Nur an der Universität outen sich die Kreationisten selten. Wir haben diesen Trend erst durch die Befragungen herausgefunden. Aber auch in meinen Seminaren treffe ich auf Studenten, die aus religiösen Gründen die Evolution ablehnen. Neulich haben zwei Studentinnen mit muslimischem Hintergrund das offen ausgesprochen.

Den Studenten wurde von anderen Studenten mit scharfem Widerspruch begegnet. Aber gerade weil es scheinbar mehr Zweifler gibt, die die Zweifel eben nicht öffentlich aussprechen, sollte die Schule hier anders lehren: Denken lernen, statt Wissen lernen.

Eine Studie von Infratest von 2005/2006 zeichnete für ganz Deutschland übrigens ein noch schlechteres Bild.

7 Kommentare zu diesem Eintrag

  1. Sebastian am 20. Februar 2009 um 19:31

    Ja, dass großflächig ein wenig hilfreiches Verständnis von Wissenschaft und ihrer Ausübung im Umlauf ist, halte ich für richtig und wichtig. Nicht zuletzt wird der Hypothesencharakter von wissenschaftlichen Aussagen auf beiden Seiten der Diskussion gerne unter den Tisch fallen gelassen.
    Auf die Ausführungen eines Evolutionsbiologen zu antworten “Das sind doch alles Hypothesen” kann man wohl nur mit einem “Aber was sie nicht sagen…?!” quittieren.

  2. Toni am 20. Februar 2009 um 22:52

    Autor

    Nicht nur das. Wissenschaftskritiker sind sich der Tatsache unbewusst (oder ignorieren sie einfach), dass Wissenschaft nicht alles erklären will und insbesondere wissenschaftliche Theorien immer nur innerhalb eines bestimmten Kontextes beschreiben.

    So sagt das Urknall-Modell nichts über den Zeitpunkt der Entstehung des Universums aus, sondern nur über die unmittelbare Zeit danach. Auch will die Evolutionstheorie von Darwin nicht die Entstehung des Lebens erklären, sondern seine Vielfalt. Auch war Newtons Gravitationstheorie mit Einstein nicht falsch. Einstein erweiterte nur den Beobachtungsrahmen und das Modell.

    Lücken in der Erklärung werden dann zu oft mit lächerlichen Interpretationen gefüllt: Die Wissenschaft sage dogmatisch, das Leben sei einfach so aus dem Nichts entstanden, genauso wie das Universum.

  3. Sebastian am 20. Februar 2009 um 23:41

    Nur am Rande: Ich denke doch, dass man beim übergang von Newton zu Einstein von einem kuhnschen Paradigmenwechsel reden kann und nicht von einer vernünftigen Beerbungslogik.

  4. Toni am 21. Februar 2009 um 12:24

    Autor

    In Bezug auf die Perspektive, mit der man die Welt betrachtet, war es sicher ein Paradigmenwechsel. Ich wollte nur darauf hinaus, dass die Relativitätstheorie nicht im Widerspruch zu Newton steht, solange man Newtons Erkenntnisse auf den Bereich beschränkt, den Newton bei seiner Theoriefindung beobachtet hat.

  5. otto normal am 28. Februar 2009 um 10:51

    Willkommen in der Neuen Weltordnung!

    Den Mächtigen kommt es gelegen, daß die Menschen verblöden, und sie fördern es. Um das zu ändern bedürfte es eines wirklich breiten öffentlichen Intersses.
    Wir lassen uns jedoch lieber von Baknstern ausnehmen und vertrauen so genannten Experten den Ausverkauf der Freiheit an. Und auch viele Wissenschaftler halten die Augen vor der Wahrheit fest verschlossen und wundern sich.

    Dabei ist es so einfach!
    Ein Land dessen Etat für Waffen höher ist als der für Bildung kann nur verblöden, denn intelligente Menschen ziehen nicht für die Interessen ihrer Schlächter in völkerrechtwidrige Kriege. “Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber.”

    Na ja, bald wählen wir wieder . . .

    Die Kreationisten, in aufgeklärten Vereinigten Staaten beträgt ihre Zahl sicherlich 40%+, werden sich wundern, wenn der liebe Gott das Licht ausschaltet!

    Alle Kriege beginnen mit Lügen! 9-11 ein inside job?

  6. otto normal am 28. Februar 2009 um 10:53

    Sorry für die Fehler in der Rechtschreibung, und ein schönes Wochenende!

  7. Pingback <Kreationismus « Looking in the Mirror> vom 22. April 2009 um 17:49

    [...] Veröffentlicht in kreationismus tagged kreationismus, bibel, evolution, evolutionstheorie, darwin, fundamentalismus, schöpfung, intelligent design um 18:48 von cindylooia Durch eine wirklich hervorragende Karrikatur zum Thema ‘Pro Reli’, veröffentlicht im Brightsblog, bin ich auf das Thema Kreationismus aufmerksam geworden. Sollte es wirklich wahr sein, dass knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung nicht glaubt, daß Menschen und Affen gemeinsame V…? [...]

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