Monatsarchiv März 2009

Es folgen alle Einträge, die im März 2009 veröffentlicht wurden.


Schund

23. März 2009

Ich habe gerade voller Abscheu ein Buch zerrissen: Am Anfang war die Information. Der Versuch eines Ingenieurs und Informatikers zu „beweisen“, dass Materialismus, Atheismus, Evolution und alles andere Teufelszeug Unsinn sind. Dabei tarnt sich das Buch in einem halbwegs seriös-rationalen Gewand. Und gerade weil es von einem Informatiker ist, hat man mir es zukommen lassen. Ich habe natürlich auch reingelesen. Der Autor hat mich dann aber mit solchen Perlen beglückt:

Die höchste Stufe der Erkenntnis liegt vor, wenn für einen Sachverhalt Inhalt und Formulierung vom Schöpfer selbst stammen. Die einzige Quelle, für die das zutrifft, ist die Bibel.

Amen Bruder. Wenn Fundamentalismen wissenschaftliche Methodik vortäuschen…


Die Gottespest

20. März 2009

Wem Dawkins’ Gotteswahn noch nicht deftig genug einschlug, dem sei Die Gottespest von John Most von 1883 ans Herz gelegt.

Diese Schrift ist ein Alarmruf, gerichtet an den Menschenverstand, sich nicht länger im Kellerdunkel einer gottverpesteten Begriffs-Verwirrung festhalten zu lassen.

Die “Gottespest” hat ihren Weg durch die ganze Welt gemacht; sie ist in vielen Tausenden Exemplaren gelesen worden, und in die meisten modernen Sprachen übersetzt. Der grimme drastische Most’sche Humor mag so manches dicke Brett vor dem Kopf gelockert haben. Aus der grossen Wirkung dieser Brosschüre erklärt sich ihre Beliebtheit. In dieser Beziehung übertrifft sie die Schriften von Ingersoll. Most trifft härter, seine Satyre ist ätzender und nicht so bürgerlich behäbig. Manchem Leser mag es bei der Lectüre der “Gottespest” gehen, wie Heinrich Heine von Erasmus von Rotterdam erzählt, als dieser Ulrich Hutten’s Angriffe gegen die Pfaffen las:

Der Erasmus musste lachen,
So gewaltig ob dem Spass,
Dass ihm platzte in dem Rachen
Sein Geschwür, und er genas.
M.B.

Nicht zuviel versprochen.

Und nun, armes Menschenhirn, halte Stand, denn was jetzt folgt, könnte ein Pferd umbringen! Wir wissen, dass Gott Vater beschlossen hatte, das Menschenpack zu frikassiren. Das that dem Gott Sohn ungemein leid. Er (bekanntlich gleichzeitig Gott Vater) nahm die ganze Schuld der Menschen auf sich und liess sich, um seinen Vater (bekanntlich gleichzeitig Gott Sohn) in seiner Raserei zu beschwichtigen, von jenem zu erlösenden Gesindel zu Tode schinden-natürlich nicht ohne nachträglich wieder frisch und froh in den Himmel zu fahren. Diese Aufopferung des Sohnes (der Eins ist mit dem Sohn) einen solchen Höllenspass, dass er sofort eine allgemeine Amnestie erliess, welche zum Theil noch heute in Kraft ist.

[via]


Bullshit aus der Bibel, Teil IV

17. März 2009

Nehmen wir mal die Geschichte von Jesus und der Nichtjüdin.

Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

– Matthäus 15:22-24 (Luther 1984)

Wer sich schonmal gefragt hat, warum Gott einen primitiven Stamm in einer Halbwüsten-Region derart privilegierte, dass er sich nur dort offenbarte, wird durch solche Stellen nicht viel schlauer. Selbst in Menschenform scheint er dem Rest seiner Schöpfung ziemlich rassistisch gegenüber zu stehen. Nicht einmal eine freundliche Antwort sind ihm Nicht-Israeliten wert.

Aber es geht noch weiter:

Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

– Matthäus 15:25-28

Man lese genau: Die Frau wird mit einem Hund verglichen, der das Essen (Jesu Hilfe) der Kinder (Israeliten) nicht wert sei. Die Frau erreicht durch ihr hündisches Flehen zumindest, dass Jesus sie würdig genug empfindet, ein paar Brotkrümel abzubekommen.

War da nicht irgendwas von Nächstenliebe und Feindesliebe? Für Gott ist das offensichtlich ein eingeschränkter Begriff: eingeschränkt auf Mit-Israeliten. Die armen Menschen, die zu Jesu Zeit und davor nicht das Glück hatten, nicht in Israel geboren worden zu sein und vom „richtigen“ Gott zu erfahren. Ob die alle in der Hölle schmoren?


Buskampagne: Verkehrsverbunde lehnen Plakate ab

16. März 2009

Die Berliner und Münchener Verkehrsverbunde haben die Plakate der Buskampagne abgelehnt. Man habe als Reaktion auf die Kampagne einen neuen Beschluss gefällt, in Zukunft keine religiöse oder weltanschauliche Werbung mehr zu akzeptieren. Der Beschluss überrascht, da man aus Berlin im Vorfeld wohl keinen Hinweis auf Probleme mit der Kampagne bekommen haben will.

Es gibt erste verstimmte Kommentare dazu; der BVG fahre eine Doppelmoral, weil aktuell Plakate mit „Jesus liebt dich.“ in Berliner Bussen zu sehen sein sollen. Ich wohne nicht in Berlin, aber nach kurzer Google-Suche vermute ich, dass es sich um Filmplakate zu dem Film Jesus liebt dich handelt, der gerade (oder zumindest bis vor kurzem) in Berlin läuft. Wenn das der einzige Fall „religiöser“ Werbung ist, kann man das dem BVG nicht vorwerfen. Ob das denn auch der einzige Fall der jüngeren Vergangeheit ist, ist eine andere Frage.

Die Ablehnung der Kampagne durch den BVG ist erstmal ein Erfolg für die Kampagne: Denn der BVG hat nicht einfach eine atheistische Kampagne abgelehnt, sondern einen allgemeinen Beschluss gefasst, in Zukunft generell keine weltanschaulichen bzw. religiösen Werbekampagnen mehr zu unterstützen (außer für politische Wahlkämpfe); das heißt, auch keine christlichen, muslimischen, etc. Eine gute Haltung für eine mehr oder weniger öffentliche Institution; wenn man sie denn auch wirklich konsequent einhalten wird. Trotzdem wird man angesichts des Timings misstrauisch. Man kann wohlwollend unterstellen, dass die BVG erst angesichts eines Konfliktes die Bedeutung einer Enthaltung erkannt hat. Man kann aber auch weniger wohlwollend unterstellen, dass nur atheitische Meinungen unangenehm genug sind, um ein Werbeverbot auszulösen.

Die Buskampagne sucht derweil nach anderen Städten, in denen die Busse fahren können. Dortmund wäre ein guter Anfang, da es dort Bemühung gibt, eine christliche Gegenkampagne mit nicht gerade demütiger/subtiler Botschaft zu starten.

Update

Born2Blog hat aktuelle Fotos von religiöser Werbung in Berliner ÖPNV hochgeladen.

Und so was ausgerechnet in Berlin. Nenene…


Amokläufe und Sicherheitsgurte

12. März 2009

Beim Spiegelfechter gibt es einen wertvollen Artikel zum Amoklauf von Winnenden. An Beispielen zeigt er: Amokläufe sind keine neue Erscheinung, es gab sie schon vorher. Also schon bevor man „Killerspiele“ spielen konnte und bevor das Abhocken im Internet die Köpfe der Jugendlichen vergiftete. Man wünscht sich, bestimmte Kommentatoren – gerade in den großen Medien – würden sich die Bedeutung dieser Tatsache genauer vor Augen führen.

Wer sich gestern z.B. Hart aber Fair angeschaut hat konnte bei manchem alten Kaffee nur noch den Kopf schütteln. Den Killerspielen wurde mehr Zeit geschenkt als der Frage, ob man als erziehender Vater 15 Waffen besitzen muss, oder nicht. Beides ist natürlich kein Hauptgrund für den Amoklauf. Killerspiele wurden aber auch in dem Fall wieder als „beeinflussender Faktor“ in den Fokus gestellt. Von „beeinflussenden Faktoren“ zu sprechen, ist eine rhetorische Verteidigung gegen den Vorwurf der Verallgemeinerung. Die viele Zeit, die Killerspielen gewidmet wird, lässt sie in Wirklichkeit als einen Hauptgrund darstehen. Insbesondere weil deutlich wird, dass sich die meisten Kritiker über Spiele und Szene nur nach dem Stille-Post-Prinzip informiert haben.

Das eigentlich Besorgniserregende ist aber, wie solche Amokläufe medial durchschlagen. Wie der Spiegelfechter richtig analysiert, ist gerade diese mediale Aufmerksamkeit der Faktor, der aus Amokläufern ein Vorbild für Nachahmer macht; dies zum einen. Zum anderen ist die Angst, die durch diese eindimensionalen Debatten und Berichte geschürt wird, neben der menschlichen Tragödie das schlimmste Resultat solcher Taten. Man sollte nicht vergessen, wieviele Menschen im Jahr durch Amokläufe an Schulen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ist verschwindent gering. Wenn aber Väter – wie gestern bei Hart aber Fair – davon erzählen, dass ihre Tochter aus Angst weine und nicht in die Schule wolle und dass Politiker doch endlich mal durchgreifen sollten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Natürlich hinterlässt so eine Tragödie einen starken Eindruck. Aber man sollte sich auch aus entfernter Perspektive fragen, wie hoch das Risiko solcher Taten wirklich ist. Kann man dieses Risiko überhaupt signifikant senken? Amokläufe wird es geben, solange es Menschen gibt. Es wird immer eine Person geben, die zum Psychopaten wird und andere töten will. Die Frage ist, ob man die Freiheit normaler Menschen über Maß einschränken will, um eher symbolische Sicherheitsgurte zu installieren. Ein Verbot von Medien ist absolut überzogen. Über Fragen des Jugendschutzes sollte man reden. Aber man sollte nicht dem großen Angstmacher nach dem Mund reden, sondern die Sache kühl betrachten.