Thilo Sarrazin wurde die letzten Tage ordentlich durch den Kakao gezogen. Dabei sind den meisten nur die derberen Formulierungen seiner Rede bekannt; nicht aber, seine gesamte Aussage. Diese kann man z.B. hier nachlesen. Sicher sind die Prozentangaben etwas, was er sich sicher aus dem Hut gezogen hat. Aber wenn man ihm wohlwollend unterstellt, dass er keine statistischen Fakten wiedergeben wollte, sondern das grundsätzliche Problem skizzieren wollte, verstehe ich nicht im geringsten, warum er wegen dem Gesagten seinen Job verlieren oder sich gar vor einem Gericht verantworten soll; und ich bin selbst kein Deutscher. Ich würde ihm auch kein „braunes Gedankengut“ unterstellen. Denn sonst hätte er gerade über Migranten im Allgemein nicht das gesagt, was er gesagt hat.
Ich finde es erschreckend, dass sich angesichts echten braunen Gedankenguts eine solche Paranoia in der Gesellschaft entwickelt hat, dass man als öffentliche Person schon wegen einer durchaus sachbezogenen, wenn auch polemisch formulierten Meinung gleich vor Gericht muss.
Beim Spiegelfechter gibt es einen wertvollen Artikel zum Amoklauf von Winnenden. An Beispielen zeigt er: Amokläufe sind keine neue Erscheinung, es gab sie schon vorher. Also schon bevor man „Killerspiele“ spielen konnte und bevor das Abhocken im Internet die Köpfe der Jugendlichen vergiftete. Man wünscht sich, bestimmte Kommentatoren – gerade in den großen Medien – würden sich die Bedeutung dieser Tatsache genauer vor Augen führen.
Wer sich gestern z.B. Hart aber Fair angeschaut hat konnte bei manchem alten Kaffee nur noch den Kopf schütteln. Den Killerspielen wurde mehr Zeit geschenkt als der Frage, ob man als erziehender Vater 15 Waffen besitzen muss, oder nicht. Beides ist natürlich kein Hauptgrund für den Amoklauf. Killerspiele wurden aber auch in dem Fall wieder als „beeinflussender Faktor“ in den Fokus gestellt. Von „beeinflussenden Faktoren“ zu sprechen, ist eine rhetorische Verteidigung gegen den Vorwurf der Verallgemeinerung. Die viele Zeit, die Killerspielen gewidmet wird, lässt sie in Wirklichkeit als einen Hauptgrund darstehen. Insbesondere weil deutlich wird, dass sich die meisten Kritiker über Spiele und Szene nur nach dem Stille-Post-Prinzip informiert haben.
Das eigentlich Besorgniserregende ist aber, wie solche Amokläufe medial durchschlagen. Wie der Spiegelfechter richtig analysiert, ist gerade diese mediale Aufmerksamkeit der Faktor, der aus Amokläufern ein Vorbild für Nachahmer macht; dies zum einen. Zum anderen ist die Angst, die durch diese eindimensionalen Debatten und Berichte geschürt wird, neben der menschlichen Tragödie das schlimmste Resultat solcher Taten. Man sollte nicht vergessen, wieviele Menschen im Jahr durch Amokläufe an Schulen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ist verschwindent gering. Wenn aber Väter – wie gestern bei Hart aber Fair – davon erzählen, dass ihre Tochter aus Angst weine und nicht in die Schule wolle und dass Politiker doch endlich mal durchgreifen sollten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Natürlich hinterlässt so eine Tragödie einen starken Eindruck. Aber man sollte sich auch aus entfernter Perspektive fragen, wie hoch das Risiko solcher Taten wirklich ist. Kann man dieses Risiko überhaupt signifikant senken? Amokläufe wird es geben, solange es Menschen gibt. Es wird immer eine Person geben, die zum Psychopaten wird und andere töten will. Die Frage ist, ob man die Freiheit normaler Menschen über Maß einschränken will, um eher symbolische Sicherheitsgurte zu installieren. Ein Verbot von Medien ist absolut überzogen. Über Fragen des Jugendschutzes sollte man reden. Aber man sollte nicht dem großen Angstmacher nach dem Mund reden, sondern die Sache kühl betrachten.
Ich will auf Mordeth13 aufmerksam machen. Der Typ ist ein kanadischer Englischlehrer in Taiwan und damit schon weird genug. Zudem ist er Video-Blogger und Motorradfahrer. Er stopft sich regelmäßig eine Kamera in den Helm und filmt seine Motorradausflüge durch Taiwan, während er über alle mögliche redet. Z.B. warum man als Weißer in Taiwan seinen Hintern rasieren muss und wie man das am besten anstellt. Wie gesagt, weird. Meistens geht es aber um Motorräder.
Ich bin nicht generell gegen Indizierung. Ich fände es sinnvoll, Eltern eine Liste von bedenklichem Material zur Verfügung zu stellen, mit der sie selbstständig Filtersoftware auf dem Rechner oder anderen Mediengeräten installieren können, wenn sie das für ihr Kind sinnvoll halten. Pauschale Indizierung nach Altersstufen differenziert einfach nicht genug zwischen den individuellen Reifegraden von Jugendlichen.
Die aktuelle Praxis der Indizierung im Internet in Deutschland ist aber mehr als kritikwürdig. Viele Suchmaschinen – auch Google.de – installieren auf freiwilliger Basis ein Filter-Modul des BPjM, das indizierte Inhalte filtert. Das Problem ist: Es filtert diese Inhalte für alle Benutzer der Suchmaschine. Auch für Erwachsene. Damit wird aus der Indizierung faktisch eine kleine Schwester der Zensur. Denn was nicht in Suchmaschinen auftaucht, existiert praktisch auch nicht.
Dass eine Filterung im Internet schwierig bis unmöglich ist, sollte gerade deswegen nicht zu solchen extremen Maßnahmen führen. Die Filterwünsche von Frau von der Leyen sind da das momentan erschreckendste Beispiel. Sie funktionieren nicht nur nicht, sie behindern potentiell und kollateral auch völlig legales Tun im Internet. Indizierung als Prinzip sollte deswegen nicht abgeschafft werden. Aber es sollte nach selbstbestimmteren Möglichkeiten gesucht werden, die den Eltern die Kontrolle gibt.
Die Geschichte hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt, unter anderem eine ziemlich lange Diskussion bei Spreeblick, in deren Rahmen ich Johnnys Standpunkt verteidige. Das Thema weckt Leidenschaft und Emotion, nicht nur wegen der wichtigen Sorge vor Zensur – als solche haben viele Blogger die Indizierung aufgefasst –, sondern auch wegen des Themas Magersucht. Bei war es zumindest der Fall, da ich diese Krankheit mehr als einmal in meinem Umfeld erlebt habe.
Ich will noch einige letzte Gedanken zu dem Thema aufschreiben.
Pro Ana
Ich schrieb, dass Pro Ana nicht toleriert werden dürfe. Das liest sich mittlerweile etwas missverständlich. Natürlich ging es mir dabei nicht um die Toleranz gegenüber den Menschen und ihrem Leben mit der Krankheit, das ein ganz individueller Kampf ist. Mir ging es um die Pro-Ana-Texte. Im weiteren Sinne auch um Foren, in denen die Kultur der Texte radikal gelebt wird. (Foren, in denen die Erkrankung ernst genommen wird, sind hingegen sehr wichtig.)
Welchen Wert die Texte für diejenigen auch haben mögen, die sie publizieren… ich halte es für rücksichtslos und unverantwortlich, sie frei zu posten. Schlimm, wenn man das tut und sich des Krankheitswertes der Magersucht bewusst ist. Nur wenig schlimmer, wenn man diesen schlicht ignoriert. In diesem Fall können Worte wie Waffen sein, wenn sie einen jungen Erkrankten in einer besonders schwachen Phase treffen. Das ist meine persönliche, hautnahe Erfahrung. Studien zu diesem Thema sind rar.
Eine dem Gefahrenpotential kritisch gegenüber stehende Studie (deren vollständigen Text ich nicht finden konnte) hat meiner Meinung nach den Fehler gemacht, alle Besucher dieser Seiten zur Zielgruppe der Untersuchung zu machen. Aber es ging nie um wirklich alle Besucher. Es ging immer nur um die jungen, labilen Besucher. Wenn hier keine Unterscheidung getroffen wird, verwässert die Aussagekraft. Dem gegenübergestellt soll in den nächsten Wochen eine Studie der Uni Freiburg veröffentlicht werden, die das Gefahrenpotential gegenüber Jugendlichen für begründet hält, sich aber gegen Schließungen der Seiten ausspricht, solange diese eine psychologische Begleitung des Forums akzeptieren.
Indizierung und Zensur
Ich bin allgemein kein Freund der Indizierung, denn sie ist wirkungsarm und in vielen Fällen überzogen. In diesem Fall kann ich die Begründung aber absolut nachvollziehen. In diesem Fall war die Indizierung ein Schritt der Notwendigkeit. Den Antrag, der sie angestoßen hat, zu ignorieren wäre nicht nur falsch gewesen, sondern hätte auch dem Grundgebot des Jugendschutzes widersprochen. Die BPjM hätte nicht anders handeln können und sollen.
Dass in Folge dessen das Blog nicht einfach für Jugendliche gesperrt, sondern gelöscht wurde, liegt nicht an der Indizierung an sich, sondern an den schlechten Rahmenbedingungen, die keine einfache, kostenlose und adequate Altersverifikation oder eine andere Art von Sicherheitsmechanismus ermöglichen. (Abgesehen davon war die Autorin des Blogs eventuell selbst minderjährig.)
Ich verstehe die Sorge vor Zensur. Gerade wenn parallel mit dem Datenschutz und der staatlichen Kontrolle viel Scheiße gemacht wird. Stichwort Vorratsdatenspeicherung, Stichwort Filtersoftware gegen Kinderpornographie bei Internetprovidern, die einmal Installiert auch für jede andere Art von Filterung missgebraucht werden könnte.
In diesem Fall ging es aber nicht um einen allgemeinen Jugendschutz, sondern um den speziellen Schutz einer speziellen Gruppe von Jugendlichen, mit einem Hang zu einer gefährlichen Erkrankung.
Diese konkreten Fälle machen eine allgemeine Diskussion zum Thema Jugendschutz im Internet schwierig. Sie aber als populistischen Aufhänger abzutun und sich in bequemen politischem Lagerdenken bzw. Extrempositionen wie Informationsanarchie oder totalitärer Kinderkontrolle zu verschanzen, bringt niemandem weiter. Ich fand die Hysterie in vielen Blogs – z.B. bei Stefan, der aber auch die unsinnigen Nebenfolgen einer Indizierung aufzeigt – bedauerlich, denn sie wird dem Thema nicht gerecht. Wie Johnny am Ende seines Artikels richtig feststellte, ist es eine schwierige Diskussion, der sich die Gesellschaft stellen muss, um Lösungen zu finden, die über wirkungsarme Indizierung und vereinfachendes Schwingen der „Achtung, Zensur!“-Keule hinausgehen.