Erziehung

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Amokläufe und Sicherheitsgurte

12. März 2009

Beim Spiegelfechter gibt es einen wertvollen Artikel zum Amoklauf von Winnenden. An Beispielen zeigt er: Amokläufe sind keine neue Erscheinung, es gab sie schon vorher. Also schon bevor man „Killerspiele“ spielen konnte und bevor das Abhocken im Internet die Köpfe der Jugendlichen vergiftete. Man wünscht sich, bestimmte Kommentatoren – gerade in den großen Medien – würden sich die Bedeutung dieser Tatsache genauer vor Augen führen.

Wer sich gestern z.B. Hart aber Fair angeschaut hat konnte bei manchem alten Kaffee nur noch den Kopf schütteln. Den Killerspielen wurde mehr Zeit geschenkt als der Frage, ob man als erziehender Vater 15 Waffen besitzen muss, oder nicht. Beides ist natürlich kein Hauptgrund für den Amoklauf. Killerspiele wurden aber auch in dem Fall wieder als „beeinflussender Faktor“ in den Fokus gestellt. Von „beeinflussenden Faktoren“ zu sprechen, ist eine rhetorische Verteidigung gegen den Vorwurf der Verallgemeinerung. Die viele Zeit, die Killerspielen gewidmet wird, lässt sie in Wirklichkeit als einen Hauptgrund darstehen. Insbesondere weil deutlich wird, dass sich die meisten Kritiker über Spiele und Szene nur nach dem Stille-Post-Prinzip informiert haben.

Das eigentlich Besorgniserregende ist aber, wie solche Amokläufe medial durchschlagen. Wie der Spiegelfechter richtig analysiert, ist gerade diese mediale Aufmerksamkeit der Faktor, der aus Amokläufern ein Vorbild für Nachahmer macht; dies zum einen. Zum anderen ist die Angst, die durch diese eindimensionalen Debatten und Berichte geschürt wird, neben der menschlichen Tragödie das schlimmste Resultat solcher Taten. Man sollte nicht vergessen, wieviele Menschen im Jahr durch Amokläufe an Schulen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ist verschwindent gering. Wenn aber Väter – wie gestern bei Hart aber Fair – davon erzählen, dass ihre Tochter aus Angst weine und nicht in die Schule wolle und dass Politiker doch endlich mal durchgreifen sollten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Natürlich hinterlässt so eine Tragödie einen starken Eindruck. Aber man sollte sich auch aus entfernter Perspektive fragen, wie hoch das Risiko solcher Taten wirklich ist. Kann man dieses Risiko überhaupt signifikant senken? Amokläufe wird es geben, solange es Menschen gibt. Es wird immer eine Person geben, die zum Psychopaten wird und andere töten will. Die Frage ist, ob man die Freiheit normaler Menschen über Maß einschränken will, um eher symbolische Sicherheitsgurte zu installieren. Ein Verbot von Medien ist absolut überzogen. Über Fragen des Jugendschutzes sollte man reden. Aber man sollte nicht dem großen Angstmacher nach dem Mund reden, sondern die Sache kühl betrachten.


Kreationismus in Deutschland

20. Februar 2009

Die Studie der TU Dortmund, nach der jeder achte Lehramts-Student die Evolutionstheorie ablehnt, dürfte bekannt sein. Bei SpON kann man gerade ein Interview mit Professor Dittmar Graf, dem Fachsprecher für Biologie an der TU Dortmund, lesen, in dem er über diese Studie und Kreationismus in Deutschland redet. Interessant finde ich folgenden Absatz.

Zwar hängen religiöse Überzeugung und Evolutionsskepsis zusammen. Aber viel stärker wirkt sich ein naives Wissenschaftsbild aus. Knapp 15 Prozent der befragten Erstsemester haben keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert. Da wird gesagt: “Wissenschaft ist doch auch nur dogmatisch.” Viele stellen sich vor, wir würden Steinchen für Steinchen ein großes Mosaik der Wahrheit zusammensetzen. Sie wissen schlicht nicht, dass jedes wissenschaftliche Wissen immer nur vorläufig ist und jede Aussage überprüfbar sein muss.

Wenn jemand nach 13 Schuljahren noch nicht einmal ahnt, wie Wissenschaft funktioniert, dann läuft dort etwas schief. Vielfach thematisiert die Schule Wissenschaftstheorie überhaupt nicht. Sie muss das Thema Evolution umfangreicher angehen – und vor allem früher, nicht erst in der 9. und 10. Klasse.

Generation Blöd. Dass Wissenschaftstheorie in der Schule viel zu kurz kommt, ist sehr richtig. Wenn ich mich an meine Schule erinnere, ging es in Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, etc. eigentlich immer nur um das Auswendiglernen von Stoff. Kein Wunder, dass man da ein dogmatisches Wissenschaftsbild bekommt. Wenn dann noch die Religion ins Spiel kommt, scheinen viele Unsinn von Vernunft nicht mehr trennen zu können.

Der Trend zu kreationistischem Gedankengut ist ungebrochen. Nehmen Sie nur die Anzahl solcher Gruppen, Foren und Seiten im Internet. Nur an der Universität outen sich die Kreationisten selten. Wir haben diesen Trend erst durch die Befragungen herausgefunden. Aber auch in meinen Seminaren treffe ich auf Studenten, die aus religiösen Gründen die Evolution ablehnen. Neulich haben zwei Studentinnen mit muslimischem Hintergrund das offen ausgesprochen.

Den Studenten wurde von anderen Studenten mit scharfem Widerspruch begegnet. Aber gerade weil es scheinbar mehr Zweifler gibt, die die Zweifel eben nicht öffentlich aussprechen, sollte die Schule hier anders lehren: Denken lernen, statt Wissen lernen.

Eine Studie von Infratest von 2005/2006 zeichnete für ganz Deutschland übrigens ein noch schlechteres Bild.


Wie aus Indizierung Zensur wird

16. Februar 2009

Ich bin nicht generell gegen Indizierung. Ich fände es sinnvoll, Eltern eine Liste von bedenklichem Material zur Verfügung zu stellen, mit der sie selbstständig Filtersoftware auf dem Rechner oder anderen Mediengeräten installieren können, wenn sie das für ihr Kind sinnvoll halten. Pauschale Indizierung nach Altersstufen differenziert einfach nicht genug zwischen den individuellen Reifegraden von Jugendlichen.

Die aktuelle Praxis der Indizierung im Internet in Deutschland ist aber mehr als kritikwürdig. Viele Suchmaschinen – auch Google.de – installieren auf freiwilliger Basis ein Filter-Modul des BPjM, das indizierte Inhalte filtert. Das Problem ist: Es filtert diese Inhalte für alle Benutzer der Suchmaschine. Auch für Erwachsene. Damit wird aus der Indizierung faktisch eine kleine Schwester der Zensur. Denn was nicht in Suchmaschinen auftaucht, existiert praktisch auch nicht.

Dass eine Filterung im Internet schwierig bis unmöglich ist, sollte gerade deswegen nicht zu solchen extremen Maßnahmen führen. Die Filterwünsche von Frau von der Leyen sind da das momentan erschreckendste Beispiel. Sie funktionieren nicht nur nicht, sie behindern potentiell und kollateral auch völlig legales Tun im Internet. Indizierung als Prinzip sollte deswegen nicht abgeschafft werden. Aber es sollte nach selbstbestimmteren Möglichkeiten gesucht werden, die den Eltern die Kontrolle gibt.


Nicht-Erziehung zur Sexualität

5. Februar 2009

Bei SpON kann man gerade eine lose Aufzählung katholischer und evangelischer Randgruppen in Deutschland finden. An sich liest man dort nichts Neues. Eine Aussage ist mir aber doch aufgefallen.

In den Reihen evangelischer Fundamentalisten gibt es beispielsweise den Homeschooling-Verband, deren Mitglieder es ihren Kindern verbieten, staatliche Schulen zu besuchen – weil sie sowohl den Sexualkundeunterricht als auch die Evolutionstheorie als atheistisch ablehnen. Sie sind der Ansicht, dass Kinder durch den Aufklärungsunterricht zur sexuellen Betätigung animiert werden.

Nicht nur Fundamentalisten verunglimpfen sexuelle Freiheit als unmoralisch. Es ist breiter christlicher Konsens, Sex vor der Ehe für unmoralisch zu halten. Diese Ansicht widerspricht zwar nicht automatisch einer aufklärenden Erziehung im Kindesalter, tabuisiert Sexualität aber als etwas, was nur im Rahmen einer Ehe Platz hat. Die Lust auf Sexualität interessiert das natürlich herzlich wenig. Die kommt so oder so.

Moralisten beschwören angesichts jugendlicher Sexualität den Verfall von Werten und Verantwortung; geben ihr die Schuld an ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten. Ist die sexuelle Aufklärung daran Schuld? Natürlich nicht. Eher das konkrete Gegenteil: Wenn Sexualität tabuisiert wird, führt das viel eher zu einem unaufgeklärtem „Einfach ausprobieren“-Umgang damit. Der Wunsch nach Sex verschwindet nicht, wenn man ihn unterdrückt. Es führt höchstens zu Schuldgefühlen und Ahnungslosigkeit über Verhütung.

Eine bekannte (aber auch oft methodologisch angegriffene) Studie von Gregory Paul kommt zu dem Schluss

In general, higher rates of belief in and worship of a creator correlate with higher rates of homicide, juvenile and early adult mortality, STD infection rates, teen pregnancy, and abortion in the prosperous democracies.

Wie aussagekräftig die Studie nun auch sein mag: erwzungenes Nicht-Wissen hat noch nie viel gebracht.


Bischof Huber kann Pluralismus nicht ertragen

25. Januar 2009

Bischof Huber ist der Ratsvorsitzende des evangelischen Deutschen Kirchenrates und (natürlich) Unterstützer von Pro-Reli. Ich habe letztens geschrieben, warum Pro-Reli nichts anderes ist, als Unterricht mit Scheuklappen und Indoktrination. Die Scheinheiligkeit und Frechheit der angebrachten Argumente bringt Huber in einem Interview mit der Welt unfreiwillig auf den Punkt.

Unter den besonderen Berliner Bedingungen bekam eine Ethik ohne Gott den Vorrang vor einer Ethik mit Gott. Das reibt sich mit der Religionsfreiheit und der Bedeutung der jüdisch-christlichen Tradition für unsere Kultur. 

Religion ist Privatsache. Umso mehr in einer pluralistischen Gesellschaft. Gerade deswegen ist der Religionsunterricht im bisherigen Berliner Modell ein freiwilliges Zusatzfach neben dem umfassenden und pluralistisch breit gefächerten Ethikunterricht. Pro-Reli ist gegen Religionsfreiheit, indem es den Schülern die Notwendigkeit einer Vermittlung breiten Wissens über Ethik und Religion absprechen will. Denn nur dieser kann die Grundlage sein, sich frei für eine Weltanschauung zu entscheiden.

Unsere Kultur ist nicht allein jüdisch-christlich geprägt, sondern wurde schon immer durch vielfältige und zahlreiche Einflüsse geformt. Die bornierte Verzweiflung, mit der die Kirche immer wieder die besondere Deutungshoheit ihrer Lehre über die ganze europäische Gesellschaft verteidigt, ist in unserer Moderne nicht mehr zu ertragen. Es ist typisch für die verquere Argumentationslogik von Pro-Reli, dass Huber dem Staat hier jene Arroganz vorwirft, die er selbst zur Schau stellt.

Der Staat hat kein Recht, die religiösen Inhalte zu definieren. Deshalb kann Ethik kein staatliches Einheitsfach sein, das für sich beansprucht, die jüdisch-christliche Perspektive oder die muslimische zu vertreten.

Abgesehen davon, dass der Religionsunterricht im Berliner Modell auf frewilliger Basis immer noch im Angebot steht, frage ich mich hier, woher die Kirche das Recht nimmt, die komplette ethische Erziehung von Kindern definieren zu wollen, statt ihnen die Freiheit des Lernens zu zugestehen. Ich akzeptiere nicht, dass alle Schüler bis zur siebten Klasse genügend Lebenserfahrung und Wissen ansammeln können, um ihre Weltanschauung unabhängig wählen zu können. Der meist einseitige Einfluss eines religiösen Elternhauses dürfte das in der Mehrheit kaum ermöglichen.

Die pluralistische, breit angelegte Bildung gehört fest in den schulischen Raum. Dem Wunsch der Kirchen nach konfessioneller Gedankendiktatur in der Schule gehören die Grenzen gezeigt.

Nebenbei: Wer diese Diskussion für eine auf Berlin begrenzte hält, sollte einen Blick in die Landesverfassung NRWs werfen:

Artikel 7: Grundsätze der Erziehung

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

[via Brightsblog]