Nach Weltanschauung zensierter Unterricht
22. Januar 2009
Der Slogan von Pro-Reli könnte nicht bescheuerter sein. Mit „Freie Wahl für Ethik und Religion“ kämpft die christliche Kampagne gegen das vorhandene Modell des Ethik-Unterrichts an Berliner Schulen, an denen Ethik für jeden Schüler momentan Pflichtfach ist. Konfessioneller Religionsunterricht ist bislang ein zusätzliches und freiwilliges Fach. Pro-Reli fordert, den Ethik-Unterricht zugunsten eines konfessionellen Religionsunterrichts abwählen zu können. Wie es ausschaut, mit Erfolg.
Pro-Reli begründet seine Forderungen mit einer Reihe von Gehirnverknotungen: Die Wahlmöglichkeit eines Religionsunterrichts sei ein Gebot der Freiheit und eine Maßnahme gegen Bevormundung. Er würde die Toleranz zwischen den Religionen fördern; denn nur so würde man sie alle ernst nehmen. Und nur wer seine eigene Religion kenne, könne andere Religionen verstehen und respektieren. (Hä?)
So missbraucht man die Argumente der Gegner auf perverse Weise für die eigene Sache. Religion ist eine private Angelegenheit. Natürlich sollte jeder frei über seine Weltanschauung entscheiden können. Aber sind Schüler der siebten Klasse kompetent genug, eine solche Entscheidung frei zu treffen? Natürlich nicht. Man kann stark davon ausgehen, dass ein Religionsunterricht in den meisten Fällen auf Entscheidung der Eltern gewählt wird. Den Glauben der Eltern aufkopiert zu bekommen, hat mit Freiheit wenig zu tun. Für echte Freiheit bedarf es eines breiten Wissens, auf dessen Grundlage man entscheiden kann. Und breites Wissen gibt es nur in einem ungebundenen und allgemeinen Ethikunterricht, in dem verschiedene Weltanschauungen dargestellt werden.
Nebenbei: Die Tatsache, dass Schüler schon jetzt einen freiwilligen und zusätzlichen Religionsunterricht wählen können, führt das Freiheitsargument endgültig ad absurdum. Aber scheinbar war das Interesse der Schüler nicht so groß, wie die von Pro-Reli beklagte unterdrückte Freiheit es vermuten ließe.
Das Argument der Toleranz ist absurd: Toleranz fördert man nicht durch Etikettierung und Abschottung von Kindern. Meine alte katholische Grundschule war ein gutes Beispiel dafür: Obwohl eine evangelische Schule direkt angebaut war, hatten beide Schulen eigene Schulhöfe. Man hätte die einzelnen Konfessionen auch gleich mit einem Stacheldrahtzaun abriegeln können. Warum man durch „Wir hier und die dort“ Toleranz fördern solle, entgeht mir völlig. Insbesondere verstehe ich absolut nicht, wie man andere Religionen nur verstehen könne, wenn man seine eigene und nicht alle Religionen kenne.
Pro-Reli stellt Ansprüche, die für jedes andere Fach einfach absurd wären. Was wäre, wenn man alle Fächer nach Weltanschauung und Einstellung auftrennen sollte?
- Politikunterricht für sozialistische Kinder und liberale Kinder…
- Sexualkunde für freie Liebe und eheliche Treue…
- Deutschunterricht für Deutsche, Türkischunterricht für Türken…
- Sportunterricht für sportliche Kinder, Gesellschaftsspiele für den Rest…
Schule sollte echte Wahlfreiheit-Kompetenz vermitteln, nicht indoktrinieren.
Aber wenn ich wie heute sehe, dass eine stark übergewichtige Mutter ihrem stark übergewichtigen Sohn am Bahnhofsstand ein übelst fettiges Stück Pizza kauft, weil der Kleine Appetit darauf hatte, dann kann ich mir ein verzweifeltes inneres Augenrollen nicht verkneifen. Ich würde mein offenes Fenster (bei der aktuellen Wärme mein wertvollstes Gut…) darauf verwetten, dass die Frau eine Vertreterin der dicken Selbstbeschwichtiger ist. Das arme Kind kann einem leid tun, denn sozialer Kummer und gesundheitliche Schäden vor allem am in der Entwicklung befindlichen Haltungsapparat sind praktisch unvermeidbar.
