Evolution
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Die Giordano-Bruno-Stiftung veranstaltet gerade eine Petition, die den Austausch von Christi Himmelfahrt gegen einen säkularen Evolutionstag fordert. [via]
Am „Evolutionstag“ soll gefeiert werden, dass wir endlich den kindlichen Narzissmus überwunden haben, der uns dazu verleitete, unsere Art als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten. Schließlich wissen wir heute, dass wir nur eine von Millionen Lebensformen auf diesem Staubkorn im Weltall sind. Und so stolz wir auch immer auf unsere „kulturellen Leistungen“ sein mögen, im Grunde sind wir kaum mehr als die „Neandertaler von morgen“.
Ich halt die Grundidee – die Einführung neutraler, säkulare Feiertage – erstmal für lobenswert. Natürlich halte ich es persönlich für sinnvoller, fundamentalen wissenschaftlichen Erkenntnissen über unsere Existenz zu gedenken, als christlichen Mythen, die de facto immer mehr an alltäglicher Bedeutung verlieren und nur noch einen Teil unserer pluralistischen Gesellschaft berühren. Man mag einwenden, dass Europa christliche Wurzeln habe und man ihnen trotz der fortschreitenden Säkularisierung gedenken müsse. Das mag zum Teil stimmen. Aber Europa ist eben viel mehr, als nur das. Und Menschen in Europa sind mehr, als nur Europäer. Wenn man Feiertage nach der Bedeutung der gefeierten Ereignisse und Ideen bemisst, hat das Christentum einen überproportinal hohen Anteil an der Verteilung.
Die Art und Weise, wie die Petition formuliert und realisiert wird, halte ich aber für einen Schuss ins eigene Knie. Man erkennt recht deutlich, dass es Michael Schmidt-Salomon nicht einfach um die Würdigung säkularer Selbsterkenntnisse und Leistungen geht, sondern er hauptsächlich die institutionelle Verankerung der Religion kritisiert. Beides ist erstmal gerechtfertigt. Aber beides gleichzeitig und so offensiv zu fordern, behindert sich jeweils gegenseitig: Die Einführung eines säkularen Feiertags bekommt unnötigen Widerstand dadurch, dass gleichzeitig ein christlicher Feiertag mit der Begründung weichen müsste, naiver Kinderkram zu sein. Ebenso fördert es nicht den Abbau institutionalisierter Religion im Staat, wenn man sie durch ebenso institutionalisierte Wissenschaft ersetzten will.
Im aktuellen Darwin-Jahr wird gerade Darwin teilweise in einem Maße mystifiziert, der über das Ziel hinaus schießen kann. Natürlich ist Darwin ein bewunderswerter Mann, aber auch nur ein bewundernswerter Mann von vielen. Die Theorie der Evolution war eine wichtige Beobachtung. Ihre Konsequenz für das menschliche Weltbild kann man ebenfalls nicht kleinreden. Wir Vertreter des Säkularismus laufen aber momentan Gefahr, sie überzustrapazieren. Sie ist erstmal immer noch nur eine naturwissenschaftliche Theorie und Beobachtung, keine politische oder weltanschauliche Streitschrift. Ihre Implikationen mögen politische und weltanschauliche Bedeutung haben, aber Darwin selbst wollte nur ein naturwissenschaftliches Phänomen beschreiben. Wir dienen ihm nicht gut, wenn wir seine Leistung nur noch politisch betrachten bzw. glorifizieren.
Ein Feiertag der Wissenschaft bzw. auch konkret der Evolution ist dennoch eine gute Idee. (Deswegen habe ich die Petition trotzdem gezeichnet.) Aber in Verbindung mit weitreichendereren politischen Motivationen und einer Instrumentalisierung Darwins verhärten wir unnötig Fronten.
Die Studie der TU Dortmund, nach der jeder achte Lehramts-Student die Evolutionstheorie ablehnt, dürfte bekannt sein. Bei SpON kann man gerade ein Interview mit Professor Dittmar Graf, dem Fachsprecher für Biologie an der TU Dortmund, lesen, in dem er über diese Studie und Kreationismus in Deutschland redet. Interessant finde ich folgenden Absatz.
Zwar hängen religiöse Überzeugung und Evolutionsskepsis zusammen. Aber viel stärker wirkt sich ein naives Wissenschaftsbild aus. Knapp 15 Prozent der befragten Erstsemester haben keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert. Da wird gesagt: “Wissenschaft ist doch auch nur dogmatisch.” Viele stellen sich vor, wir würden Steinchen für Steinchen ein großes Mosaik der Wahrheit zusammensetzen. Sie wissen schlicht nicht, dass jedes wissenschaftliche Wissen immer nur vorläufig ist und jede Aussage überprüfbar sein muss.
Wenn jemand nach 13 Schuljahren noch nicht einmal ahnt, wie Wissenschaft funktioniert, dann läuft dort etwas schief. Vielfach thematisiert die Schule Wissenschaftstheorie überhaupt nicht. Sie muss das Thema Evolution umfangreicher angehen – und vor allem früher, nicht erst in der 9. und 10. Klasse.
Generation Blöd. Dass Wissenschaftstheorie in der Schule viel zu kurz kommt, ist sehr richtig. Wenn ich mich an meine Schule erinnere, ging es in Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, etc. eigentlich immer nur um das Auswendiglernen von Stoff. Kein Wunder, dass man da ein dogmatisches Wissenschaftsbild bekommt. Wenn dann noch die Religion ins Spiel kommt, scheinen viele Unsinn von Vernunft nicht mehr trennen zu können.
Der Trend zu kreationistischem Gedankengut ist ungebrochen. Nehmen Sie nur die Anzahl solcher Gruppen, Foren und Seiten im Internet. Nur an der Universität outen sich die Kreationisten selten. Wir haben diesen Trend erst durch die Befragungen herausgefunden. Aber auch in meinen Seminaren treffe ich auf Studenten, die aus religiösen Gründen die Evolution ablehnen. Neulich haben zwei Studentinnen mit muslimischem Hintergrund das offen ausgesprochen.
Den Studenten wurde von anderen Studenten mit scharfem Widerspruch begegnet. Aber gerade weil es scheinbar mehr Zweifler gibt, die die Zweifel eben nicht öffentlich aussprechen, sollte die Schule hier anders lehren: Denken lernen, statt Wissen lernen.
Eine Studie von Infratest von 2005/2006 zeichnete für ganz Deutschland übrigens ein noch schlechteres Bild.

Ich frage mich, welches Interesse das christliche Medienmagazin pro an diesem Thema hat. Wirklich. Denn der Artikel ist eigentlich nur ein grandioser Schuss ins eigene Knie. Es geht darum, dass manche Forscher Religion vor evolutionistischem Hintergrund zu erklären versuchen, sie also als Fortpflanzungsvorteil zu verstehen versuchen.
Für den Philosophen Gerhard Schurz von der Universität Düsseldorf hat religiöser Glaube laut der Tageszeitung schlicht “einen massiven Placebo-Effekt”. So wie jemand erfolgreich eine nutzlose Pille gegen einen Schmerz schluckt, weil er nur fest genug an deren Wirkung glaubt, so helfe auch das Vorgaukeln eines Glaubens.
Was man von diesen Einzelaussagen auch halten mag, angenommen es stimmt, dass religiöse Menschen in westlichen Gesellschaften aufgrund ihrer Religiosität eher einen inneren Seelenfrieden und damit auch ein längeres Leben haben. Will man das als religiöser Mensch wirklich als Pro-Argument für Religion anführen? Wenn ich Christ statt Atheist wäre, würde es mich schon irgendwie stören, darauf einzugehen, dass mein Gott auf eine Placebo-Pille reduziert wird.
Ebenso skurril ist das Anführen solcher Zitate:
“Wenn man einige Kinder auf einer Insel aussetzen würde, wo sie alleine aufwüchsen, würden sie an Gott glauben. Im Gegensatz dazu ist Evolution unnatürlich für den menschlichen Verstand”, sagt Barrett laut einem Bericht der britischen Tageszeitung “Daily Telegraph”. Auch die amerikanische Psychologin Deborah Kelemen kommt zu dem Schluss: Kinder sind “intuitive Theisten”, geborene Gläubige.
Da wir aber wissen, dass die Evolution ein wissenschaftliches Faktum und ein theistischer Schöpfer des Lebens Unsinn ist, lässt dieses Zitat den angeblichen kindlichen Theismus als Kinderkram zurück. Ob der Autor von pro sich damit anfreunden kann, dass seine Religion nur Kinderkram ist?
Charles Darwin wäre heute 200 Jahre alt geworden.

Charles Darwin
Als erster formulierte er eine Theorie der Evolution allen Lebens durch den Mechanismus der natürlichen Selektion. Das rüttelte dermaßen fundamental am Selbstbild des Menschen, dass Darwin es erst 20 Jahre nach seiner ersten Idee wagte, seine Theorie zu veröffentlichen. Angesichts der Umstände seiner Zeit, war der Mann nicht nur ein Freidenker, sondern auch bemerkenswert mutig.
Wem heute langweilig werden sollte, kann dem guten Darwin gratulieren, indem er einen Fußtritt gegen Kreationisten bei sich verlinkt…

… oder die 11 Missverständnisse zur Evolutionstheorie verlinkt, oder sich eine der folgenden schönen Dokumentationen von Richard Dawkins über ihn und die Evolution anschaut. The Genius of Charles Darwin erzählt nicht nur von der Evolution, sondern auch von der Person Darwins und den persönlichen Konsequenzen seiner Forschung. Growing up in the universe ist eine fünfteilige Vorlesung für Jugendliche (aber auch Erwachsene), die die Evolution mit vielen faszinierenden Beispielen erklärt.
Kreationisten haben ja eine bunte Menge pseudowissenschaftlicher Intelligenzbeleidigungen Scheinargumente in ihrem Repertoire. Das Hantieren mit Wahrscheinlichkeiten ist bei ihnen besonders beliebt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Universum wäre aus Zufall entstanden, sei astronomisch gering. Die Wahrscheinlichkeit, das Leben sei aus Zufall entstanden, sei astronomisch gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass die kosmologischen Konstanten aus Zufall das Leben begünstigen, sie astronomisch gering. Und so weiter.
Was Kreationisten völlig ignorieren:
- Natürliche Prozesse folgen Regeln. Simplen Regeln auf fundamentaler Ebene, die sich emergent zu komplexen Regelsystemen kombinieren. Es ist absurd, allen aufzählbaren „Entscheidungsmöglichkeiten“ die gleiche Wahrscheinlichkeit zuzuordnen.
- Natürliche Prozesse haben kein konkretes Ziel. Aus ihren Systemeigenschaften lassen sich grobe Prognosen auf ihre Entwicklungsrichtung ableiten. Mehr nicht. Einem Prozess eine unmögliche Wahrscheinlichkeit zuzuordnen, weil ein einzelnes seiner Ergebnisse für sich unwahrscheinlich ist, ignoriert völlig die Tatsache, dass die Summe aller möglichen (evtl. sogar unendlich vielen) Ergebnisse wieder wahrscheinlich ist.
Ein Beispiel: Ich stehe an einer Klippe und werfe einen Ball hinunter.
Erstens: Nach kreationistischer Denkweise müsste ich nun für jede Richtung im dreidimensionalen Raum die gleiche Wahrscheinlichkeit angeben, dass der Ball sich in diese Richtung bewegen könne. Der Ball könne also mit gleicher Wahrscheinlichkeit nach oben wie nach unten fallen. Das ist natürlich total absurd. Wir besitzen fundiertes und belegtes Wissen über die Gravitation. Wir haben dieses Wissen in unfassbar vielen Versuchen getestet und verifiziert. Wir können den Fall des Balles also berechnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball nach unten fällt, ist damit unfassbar viel höher (100%) als die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball nach oben fällt (0%).

Zweitens: Nach kreationistischer Denkweise müsste ich weiterhin nur einen einzigen konkreten Bewegungspfad des Balles als gültig akzeptieren. Kreationisten sehen den liegenden Ball und erklären seine exakte Position als die einzig mögliche. Da sich der Bereich, in den ich den Ball hätte fallen lassen können, mit einer beliebig (= unendlich) feinen Skala einteilen lässt, kann ich für die in Nachhinein beobachtete (beliebig fein messbare) Position des Balles eine unendlich geringe Wahrscheinlichkeit angeben. Die Erklärung durch Gravitation ist damit falsch und der Ball kann nur von Gott an seine Stelle gelegt worden sein. Aber das ist natürlich absurd. Der Ball hätte abhängig von minimalen Varianzen des Falles an jeder der unendlich vielen Stellen gelandet sein können. Und jede dieser Positionen lässt sich mit der Gravitationstheorie erklären.
Das gleiche gilt nicht nur für die Gravitationstheorie, sondern für die Evolutionstheorie, die Entstehung des Universums und die Qualität seiner Konstanten. Kreationisten scheitern daran, sich die möglichen Alternativentwicklungen vorzustellen und die Systemzusammenhänge zu begreifen.

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