Theodizee: Brauchen wir wirklich Leid in der Welt?
9. Februar 2009
Das Problem der Theodizee bereitet Theologen seit Ewigkeiten Kopfzerbrechen. Warum gibt es Leid in der Welt? Wenn es einen allmächtigen und gütigen Gott gibt, wieso lässt er es zu, dass auf der Welt so viel schlimmes passiert? Es ist noch keinem gelungen, dieses Problem aufzulösen, ohne auch die Vorstellung eines Gottes aufzugeben. Die Theologie liefert Ansätze eine Antwort. Aber die halten einem kritischen Blick nicht Stand.
Schauen wir uns die Schaumkrone der theologischen Erklärungen an.
Der freie Wille
Der Mensch habe einen freien Willen, seit das sündige Weib Eva im Paradies die verbotene Frucht gepflückt hat, die Gott aus welchem Grund auch immer in erster Linie dort hingestellt hat. Der freie Wille des Menschen befähige ihn auch zu schlechten Taten, die das Leid der Welt erzeugen. Der Mensch sei an seinem Leid selbst schuld.
Das Argument ist schwach. Für Kriege, Mord, Vergewaltigung, etc. klingt es schlüssig. Aber was ist mit dem unzähligen Leid, für das der Mensch keine Schuld hat? Was ist mit Naturkatastrophen, bei denen man unter den Opfern gute Menschen, schlechte Menschen, gläubige Menschen, gottloser Menschen, Erwachsene und Kinder findet? Was ist mit Krankheiten wie Geburtsfehlern, unter denen alle möglichen Menschen leiden können? Das Argument des freien Willens greift hier nicht. Diese Schicksalsschläge resultieren unmittelbar aus den Gesetzen der Welt, die Theisten ihrem Schöpfergott zuschreiben.
Die Welt ist die bestmögliche
Aber vielleicht ist er ja nicht allmächtig in dem Sinne, dass er alles machen kann, was er will. Vielleicht ist er durch Einschränkungen in seiner schöpferischen Kraft behindert. Die Welt wie sie ist, könne man sich dann als die Welt vorstellen, in der der Grad des Leidens bereits so minimal wie nur möglich ist. Eine Welt ohne Leid sei unmöglich.
Ok. Aber wenn dem so ist, warum beten Menschen dann überhaupt noch? Warum dankten z.B. die Menschen, die die Wasserlandung im Hudson River überlebt haben dafür, dass Gott sie gerettet habe? Wenn Gott die Fähigkeit hätte, zu intervenieren, hätte er das Leid nicht von vorn herein verhindert? Wenn das Leid der Welt schon minimal ist, warum dann noch überhaupt beten? Es kann ja gar nicht besser werden. Trotzdem ist das Gebet um Hilfe integraler Teil des christlichen Alltages. Immerhin sagte ja Jesus:
Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.
– Johannes 14:14
Dieses Argument widerspricht der christlichen Vorstellung von Gott also ebenfalls.
Wir brauchen Leid, um gut zu sein
Ein weiteres Argument behauptet, der Mensch bräuchte das Leid, um das Gute erst möglich zu machen. Leiden motiviere den Menschen erst zu guten Taten, wie Altruismus, gegenseitiger Verantwortung und der Wertschätzung des Lebens.
Das Argument ist ontologisch reizvoll, denn ein Begriff des Guten kann nur existieren, wenn man ihn von einem Begriff des Schlechten abgrenzen kann. Aber dieser Gedanke verbleibt auf der Ebene der Begrifflichkeiten. Die damit bezeichneten Erlebnisse der Realität existieren auch ohne ihnen einen Namen zu geben.
Und diese Erlebnisse haben wenig von einem Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, durch das beides erst ermöglicht wird. Müsste eine Person, die viel Leid erfährt und dementsprechend daran gewachsen ist, von einem gerechten und allmächtigen Gott nicht auch irgendwann belohnt werden? Selbst Hiob litt nicht ewig. Aber wohl jeder Mensch dürfte jemanden kennen, der irgendwann trotz allem Mutes, aller Kraft und allem Optimismus an Lebenssituationen gescheitert ist oder ein tragisches Schicksal erfahren hat.
Wenn Gott das Leid als Triebfeder für das Gute zulässt, dann tut er das in einer sehr unfairen Art und Weise.
Gleichzeitig kennt auch jeder Menschen, die unmoralisch und verachtenswert leben und handeln … denen es aber trotzdem gut geht. Sie haben Gesundheit, Glück, Erfolg und Gemeinschaft und können trotzdem anderen Menschen Leid antun. Müsste ein Gott nicht gerade solche Menschen durch Leiden zur Demut erziehen? Denn ansonsten erscheinen sie anderen Menschen nur als falsches Beispiel: „Schau, der verhält sich wie ein verbrecherischer Egoist und es geht ihm dabei prächtig! So handle ich ab jetzt auch.“
Und natürlich gibt es auch die Menschen, die kein Leid erfahren haben, die aber trotzdem gute Menschen sind. Genauso wie es auch Menschen gibt, die Leid erfahren haben und die gleichzeitig auch schlecht handeln. Bestimmt das Leid den Altruismus der Menschheit? Wohl kaum. Existieret Altruismus auch ohne Leid? Ja, natürlich. Das Argument verallgemeinert die Realität und scheitert daran.
Das Theodizee-Problem kann man nur mit Worten auflösen, wie den folgenden von George Carlin:
And finally, I’ve always drawn a great deal of moral comfort from Humpty Dumpty. The part I liked best: “and all the king’s horses, and all the king’s men couldn’t put Humpty together again.” That’s because there is no Humpty Dumpty, and there is no God. None. Not one. Never was. No God.
