Simulation des Sozialen
15. Juli 2008
Die Informatik modelliert und geht mit Modellen um. Eine Simulation ist die Berechnung von Prozessen in Modellen und die Abbildung der Ergebnisse in die Realität. Für die Natur- und Ingenieurwissenschaften funktioniert das ziemlich gut: Der A380 wurde praktisch komplett im Computer simuliert, bevor der erste Prototyp gebaut wurde – und gleich perfekt flog.
Das Thema der Simulationen ist auch in anderen Disziplinen zu Hause, auch wenn es dort nicht so lange wohnt, wie bei den Ingenieuren. Die Betriebswirtschaftsleerelehre mit ihrem Anspruch, zu kontrollieren und zu determinieren, z.B. nutzt Simulationen. Auch bei der weises Großmutter der BWL, die Soziologie, sind computergestützte Simulationen immer stärker im Gespräch; das ganze nennt sich Sozioinformatik. Dieses Semester liefen mir in Seminaren meines Nebenfaches Soziologie zwei Beispiele über den Weg, z.B das ältere und von den Autoren in Fortran implemenierte Garbage Can Model. Die ersten Fragen die sich dabei stellen:
- Lassen sich vorhandene Theorien der Soziologie überhaupt simulieren?
- Wenn ja, inwiefern ist eine Abbildung der Simulation auf die Realität möglich?
Schaut man sich vorhandene Theorien an, kann man die erste Frage meist verneinen. Die meisten Soziologen versäumen es, sich in ihren Theorien Gedanken über einen logisch abgeschlossenen Algorithmus zu machen.
Das ist ein fataler Fehler, auch wenn die Theorie gar nicht erst den Anspruch stellt, als Schablone für eine Simulation der Realität dienen zu können – was in der Soziologie auch gar nicht sinnvoll ist. Die Distanz zwischen Modell und Modelliertem ist in der Soziologie weit größer, als in den Ingenieurwissenschaften. Während eine physikalische Formel zur Simulation der Realität sehr zweckmäßig und hinreichend akkurat ist, lassen soziologische Modelle weit mehr Attribute aus. Was nicht verwundert, da das komplette menschliche Verhalten zu komplex ist, um in eine Formel gesteckt werden zu können.
Um mit Luhmann zu sprechen: Theorie und Realität sind nur lose gekoppelt. Theorien geben Denkhinweise, wie die Realität zu verstehen sein könnte, erheben aber nicht den Anspruch, alles zu erklären oder auch nur ohne Widerspruch zur Realität zu sein.
Warum also braucht man dennoch einen Algorithmus in soziologischen Theorien, wenn man doch eh nicht simulieren kann? Um die logische Abgeschlossenheit zu testen. Informatiker wissen, dass das, “was ja völlig logisch ist”, schwankt, wenn man es auf den theoretischen Prüfstand stellt, es mathematisch formuliert und berechnet. Ebenso sollte eine soziologische Theorie sich einer Prüfung im Rahmen ihrer eigenen Aussagen stellen. Wenn man diese Aussagen mathematisch formulieren kann, kann man sie im Computer simulieren – und damit testen, ob die Theorie stabil ist, oder ob es Lücken gibt, auf die man sonst so nicht gestoßen wäre. Der Computer hat den Vorteil, alle “Alternativen” bedenken zu können.
Gut, dass die RWTH die Interdisziplinarität mit den Geisteswissenschaften im Rahmen der Exzellenzinitiative wieder fördert. Im Wechselspiel von Geistes- und Ingenieurwissenschaften findet sich viel mehr Fruchtbares, als man voreilig vermuten würden.
