Politik

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Sarrazin und der Zusammenhang

8. Oktober 2009

Thilo Sarrazin wurde die letzten Tage ordentlich durch den Kakao gezogen. Dabei sind den meisten nur die derberen Formulierungen seiner Rede bekannt; nicht aber, seine gesamte Aussage. Diese kann man z.B. hier nachlesen. Sicher sind die Prozentangaben etwas, was er sich sicher aus dem Hut gezogen hat. Aber wenn man ihm wohlwollend unterstellt, dass er keine statistischen Fakten wiedergeben wollte, sondern das grundsätzliche Problem skizzieren wollte, verstehe ich nicht im geringsten, warum er wegen dem Gesagten seinen Job verlieren oder sich gar vor einem Gericht verantworten soll; und ich bin selbst kein Deutscher. Ich würde ihm auch kein „braunes Gedankengut“ unterstellen. Denn sonst hätte er gerade über Migranten im Allgemein nicht das gesagt, was er gesagt hat.

Ich finde es erschreckend, dass sich angesichts echten braunen Gedankenguts eine solche Paranoia in der Gesellschaft entwickelt hat, dass man als öffentliche Person schon wegen einer durchaus sachbezogenen, wenn auch polemisch formulierten Meinung gleich vor Gericht muss.


Das religiöse Nordkorea

27. August 2009

Ist Nordkorea ein säkularer Staat? Ein Ausschnitt aus der Wikipedia:

In Nordkorea stehen die Diktatoren Kim Il Sung (der verstorbene „große Führer“) sowie Kim Jong-il (dessen Sohn, der sog. „liebe Führer“) im Mittelpunkt eines öffentlich inszenierten Personenkultes. Ihre Porträts sind allgegenwärtig in den Straßen, in den Schulen, in den öffentlichen Gebäuden sowie in allen privaten Häusern. Die ideologischen Aussagen und die Schriften, die von den zwei Führern produziert werden, sind die Hauptgrundlage der Ausbildung für Kinder sowie Erwachsene.

Die Geschichte von der Herkunft der Kims wird mythologisch verklärt. In den Schulen wird den Kindern beigebracht, dass die Führer vom Himmel gekommen seien. Auf dem Gipfel des Paektu-san-Berges seien sie dann in Menschen umgewandelt worden.

Zu öffentlichen Anlässen werden Lieder gesungen, die die Führer als Retter des Landes sowie jedes einzelnen Bürgers darstellen und sie auf diese Weise auf das Niveau von Gottheiten heben.

Dieser alles-durchdringende Personenkult, zusammen mit der Lehre von Chuch’e (Autarkie), hat die Religionen, die vor dem Aufstieg des Kommunismus blühten, nach und nach verdrängt. Nach Ansicht von Beobachtern von Menschenrechtsorganisationen sowie von ausländischen Regierungen verursachte dieser Regimewechsel ein Ende der freien Religionsausübung, da die Regierung nur solche religiöse Gruppen unterstützte, die eine Illusion der religiösen Freiheit aufbauten.

Es ist unwahrscheinlich, dass durch die Abschaffung einer Verfassungsklausel, die ausdrücklich religiöse Tätigkeiten verbot und die Ablehnung aller Religionen bekräftigte, im Jahr 1992 eine tatsächliche Änderung in dieser Situation eingetreten ist. Die Menschenrechtssituation in Nordkorea gilt nach wie vor als außerordentlich schlecht.


Buskampagne: Verkehrsverbunde lehnen Plakate ab

16. März 2009

Die Berliner und Münchener Verkehrsverbunde haben die Plakate der Buskampagne abgelehnt. Man habe als Reaktion auf die Kampagne einen neuen Beschluss gefällt, in Zukunft keine religiöse oder weltanschauliche Werbung mehr zu akzeptieren. Der Beschluss überrascht, da man aus Berlin im Vorfeld wohl keinen Hinweis auf Probleme mit der Kampagne bekommen haben will.

Es gibt erste verstimmte Kommentare dazu; der BVG fahre eine Doppelmoral, weil aktuell Plakate mit „Jesus liebt dich.“ in Berliner Bussen zu sehen sein sollen. Ich wohne nicht in Berlin, aber nach kurzer Google-Suche vermute ich, dass es sich um Filmplakate zu dem Film Jesus liebt dich handelt, der gerade (oder zumindest bis vor kurzem) in Berlin läuft. Wenn das der einzige Fall „religiöser“ Werbung ist, kann man das dem BVG nicht vorwerfen. Ob das denn auch der einzige Fall der jüngeren Vergangeheit ist, ist eine andere Frage.

Die Ablehnung der Kampagne durch den BVG ist erstmal ein Erfolg für die Kampagne: Denn der BVG hat nicht einfach eine atheistische Kampagne abgelehnt, sondern einen allgemeinen Beschluss gefasst, in Zukunft generell keine weltanschaulichen bzw. religiösen Werbekampagnen mehr zu unterstützen (außer für politische Wahlkämpfe); das heißt, auch keine christlichen, muslimischen, etc. Eine gute Haltung für eine mehr oder weniger öffentliche Institution; wenn man sie denn auch wirklich konsequent einhalten wird. Trotzdem wird man angesichts des Timings misstrauisch. Man kann wohlwollend unterstellen, dass die BVG erst angesichts eines Konfliktes die Bedeutung einer Enthaltung erkannt hat. Man kann aber auch weniger wohlwollend unterstellen, dass nur atheitische Meinungen unangenehm genug sind, um ein Werbeverbot auszulösen.

Die Buskampagne sucht derweil nach anderen Städten, in denen die Busse fahren können. Dortmund wäre ein guter Anfang, da es dort Bemühung gibt, eine christliche Gegenkampagne mit nicht gerade demütiger/subtiler Botschaft zu starten.

Update

Born2Blog hat aktuelle Fotos von religiöser Werbung in Berliner ÖPNV hochgeladen.

Und so was ausgerechnet in Berlin. Nenene…


Amokläufe und Sicherheitsgurte

12. März 2009

Beim Spiegelfechter gibt es einen wertvollen Artikel zum Amoklauf von Winnenden. An Beispielen zeigt er: Amokläufe sind keine neue Erscheinung, es gab sie schon vorher. Also schon bevor man „Killerspiele“ spielen konnte und bevor das Abhocken im Internet die Köpfe der Jugendlichen vergiftete. Man wünscht sich, bestimmte Kommentatoren – gerade in den großen Medien – würden sich die Bedeutung dieser Tatsache genauer vor Augen führen.

Wer sich gestern z.B. Hart aber Fair angeschaut hat konnte bei manchem alten Kaffee nur noch den Kopf schütteln. Den Killerspielen wurde mehr Zeit geschenkt als der Frage, ob man als erziehender Vater 15 Waffen besitzen muss, oder nicht. Beides ist natürlich kein Hauptgrund für den Amoklauf. Killerspiele wurden aber auch in dem Fall wieder als „beeinflussender Faktor“ in den Fokus gestellt. Von „beeinflussenden Faktoren“ zu sprechen, ist eine rhetorische Verteidigung gegen den Vorwurf der Verallgemeinerung. Die viele Zeit, die Killerspielen gewidmet wird, lässt sie in Wirklichkeit als einen Hauptgrund darstehen. Insbesondere weil deutlich wird, dass sich die meisten Kritiker über Spiele und Szene nur nach dem Stille-Post-Prinzip informiert haben.

Das eigentlich Besorgniserregende ist aber, wie solche Amokläufe medial durchschlagen. Wie der Spiegelfechter richtig analysiert, ist gerade diese mediale Aufmerksamkeit der Faktor, der aus Amokläufern ein Vorbild für Nachahmer macht; dies zum einen. Zum anderen ist die Angst, die durch diese eindimensionalen Debatten und Berichte geschürt wird, neben der menschlichen Tragödie das schlimmste Resultat solcher Taten. Man sollte nicht vergessen, wieviele Menschen im Jahr durch Amokläufe an Schulen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ist verschwindent gering. Wenn aber Väter – wie gestern bei Hart aber Fair – davon erzählen, dass ihre Tochter aus Angst weine und nicht in die Schule wolle und dass Politiker doch endlich mal durchgreifen sollten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Natürlich hinterlässt so eine Tragödie einen starken Eindruck. Aber man sollte sich auch aus entfernter Perspektive fragen, wie hoch das Risiko solcher Taten wirklich ist. Kann man dieses Risiko überhaupt signifikant senken? Amokläufe wird es geben, solange es Menschen gibt. Es wird immer eine Person geben, die zum Psychopaten wird und andere töten will. Die Frage ist, ob man die Freiheit normaler Menschen über Maß einschränken will, um eher symbolische Sicherheitsgurte zu installieren. Ein Verbot von Medien ist absolut überzogen. Über Fragen des Jugendschutzes sollte man reden. Aber man sollte nicht dem großen Angstmacher nach dem Mund reden, sondern die Sache kühl betrachten.


Gottes Sitz im Deutschen Ethikrat

11. März 2009

Der Deutsche Ethikrat ist nach eigener Definition ein unabhängiger Sachverständigenrat, in dem „unterschiedliche ethische Ansätze und ein plurales Meinungsspektrum vertreten“ sein sollen. Seine Aufgabe definiert er wie folgt.

Der Deutsche Ethikrat verfolgt die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben. Zu seinen Aufgaben gehören insbesondere:

  1. Information der Öffentlichkeit und Förderung der Diskussion in der Gesellschaft unter Einbeziehung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen;
  2. Erarbeitung von Stellungnahmen sowie von Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln;
  3. Zusammenarbeit mit nationalen Ethikräten und vergleichbaren Einrichtungen anderer Staaten und internationaler Organisationen.

Der Ethikrat besteht aus 26 Mitgliedern, die je zur Hälfte von Bundesregierung und Bundestag bestimmt werden. Auf der Website des Ethikrates kann man sich ihre Lebensläufe ansehen; ich habe sie gerade aus Interesse überflogen und Hinweise auf Religion/Weltanschauung der Mitglieder gesucht.

  1. Vier Mitglieder sind Theologen
  2. Neun weitere Mitglieder haben in der Vergangenheit Ämter in christlichen Organisationen besetzt oder besetzen sie gegenwärtig
  3. Bei den restlichen dreizehn Mitgliedern fanden sich keine Hinweise auf Religion oder Weltanschauung

Bedauerlich, das die Mitglieder keine kurze Beschreibung ihrer Weltanschauung angeben; denn die dürfte bei solchen Amtsträgern besonderes öffentliches Interesse haben. Festzuhalten bleibt, dass die Hälfte der Mitglieder des Deutschen Ethikrates offensichtlich mit christlichen Organisationen verbunden sind und man daher annehmen darf, dass sie persönlich christlichen Glaubens sind. Unter den restlichen Mitgliedern dürfte es ebenfalls Christen geben; nur kann man es ihren Lebensläufen nicht direkt entnehmen. Bei keinem der Mitglieder habe ich beim Überfliegen einen Hinweis auf Mitgliedschaft in einer säkularen Organisation gesehen. Ebenso fand ich keinen Hinweis auf Anhänger nicht-christlicher Religionen.

Seit dem Start der Buskampagne haben nicht wenige Kommentatoren kritisiert, dass säkulare Menschen in Deutschland keinen Grund zum Meckern hätten. Ganz so schnell kann man das offenbar nicht hinnehmen…