Psyche
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Beim Spiegelfechter gibt es einen wertvollen Artikel zum Amoklauf von Winnenden. An Beispielen zeigt er: Amokläufe sind keine neue Erscheinung, es gab sie schon vorher. Also schon bevor man „Killerspiele“ spielen konnte und bevor das Abhocken im Internet die Köpfe der Jugendlichen vergiftete. Man wünscht sich, bestimmte Kommentatoren – gerade in den großen Medien – würden sich die Bedeutung dieser Tatsache genauer vor Augen führen.
Wer sich gestern z.B. Hart aber Fair angeschaut hat konnte bei manchem alten Kaffee nur noch den Kopf schütteln. Den Killerspielen wurde mehr Zeit geschenkt als der Frage, ob man als erziehender Vater 15 Waffen besitzen muss, oder nicht. Beides ist natürlich kein Hauptgrund für den Amoklauf. Killerspiele wurden aber auch in dem Fall wieder als „beeinflussender Faktor“ in den Fokus gestellt. Von „beeinflussenden Faktoren“ zu sprechen, ist eine rhetorische Verteidigung gegen den Vorwurf der Verallgemeinerung. Die viele Zeit, die Killerspielen gewidmet wird, lässt sie in Wirklichkeit als einen Hauptgrund darstehen. Insbesondere weil deutlich wird, dass sich die meisten Kritiker über Spiele und Szene nur nach dem Stille-Post-Prinzip informiert haben.
Das eigentlich Besorgniserregende ist aber, wie solche Amokläufe medial durchschlagen. Wie der Spiegelfechter richtig analysiert, ist gerade diese mediale Aufmerksamkeit der Faktor, der aus Amokläufern ein Vorbild für Nachahmer macht; dies zum einen. Zum anderen ist die Angst, die durch diese eindimensionalen Debatten und Berichte geschürt wird, neben der menschlichen Tragödie das schlimmste Resultat solcher Taten. Man sollte nicht vergessen, wieviele Menschen im Jahr durch Amokläufe an Schulen sterben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, ist verschwindent gering. Wenn aber Väter – wie gestern bei Hart aber Fair – davon erzählen, dass ihre Tochter aus Angst weine und nicht in die Schule wolle und dass Politiker doch endlich mal durchgreifen sollten, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.
Natürlich hinterlässt so eine Tragödie einen starken Eindruck. Aber man sollte sich auch aus entfernter Perspektive fragen, wie hoch das Risiko solcher Taten wirklich ist. Kann man dieses Risiko überhaupt signifikant senken? Amokläufe wird es geben, solange es Menschen gibt. Es wird immer eine Person geben, die zum Psychopaten wird und andere töten will. Die Frage ist, ob man die Freiheit normaler Menschen über Maß einschränken will, um eher symbolische Sicherheitsgurte zu installieren. Ein Verbot von Medien ist absolut überzogen. Über Fragen des Jugendschutzes sollte man reden. Aber man sollte nicht dem großen Angstmacher nach dem Mund reden, sondern die Sache kühl betrachten.
Die Geschichte hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt, unter anderem eine ziemlich lange Diskussion bei Spreeblick, in deren Rahmen ich Johnnys Standpunkt verteidige. Das Thema weckt Leidenschaft und Emotion, nicht nur wegen der wichtigen Sorge vor Zensur – als solche haben viele Blogger die Indizierung aufgefasst –, sondern auch wegen des Themas Magersucht. Bei war es zumindest der Fall, da ich diese Krankheit mehr als einmal in meinem Umfeld erlebt habe.
Ich will noch einige letzte Gedanken zu dem Thema aufschreiben.
Pro Ana
Ich schrieb, dass Pro Ana nicht toleriert werden dürfe. Das liest sich mittlerweile etwas missverständlich. Natürlich ging es mir dabei nicht um die Toleranz gegenüber den Menschen und ihrem Leben mit der Krankheit, das ein ganz individueller Kampf ist. Mir ging es um die Pro-Ana-Texte. Im weiteren Sinne auch um Foren, in denen die Kultur der Texte radikal gelebt wird. (Foren, in denen die Erkrankung ernst genommen wird, sind hingegen sehr wichtig.)
Welchen Wert die Texte für diejenigen auch haben mögen, die sie publizieren… ich halte es für rücksichtslos und unverantwortlich, sie frei zu posten. Schlimm, wenn man das tut und sich des Krankheitswertes der Magersucht bewusst ist. Nur wenig schlimmer, wenn man diesen schlicht ignoriert. In diesem Fall können Worte wie Waffen sein, wenn sie einen jungen Erkrankten in einer besonders schwachen Phase treffen. Das ist meine persönliche, hautnahe Erfahrung. Studien zu diesem Thema sind rar.
Eine dem Gefahrenpotential kritisch gegenüber stehende Studie (deren vollständigen Text ich nicht finden konnte) hat meiner Meinung nach den Fehler gemacht, alle Besucher dieser Seiten zur Zielgruppe der Untersuchung zu machen. Aber es ging nie um wirklich alle Besucher. Es ging immer nur um die jungen, labilen Besucher. Wenn hier keine Unterscheidung getroffen wird, verwässert die Aussagekraft. Dem gegenübergestellt soll in den nächsten Wochen eine Studie der Uni Freiburg veröffentlicht werden, die das Gefahrenpotential gegenüber Jugendlichen für begründet hält, sich aber gegen Schließungen der Seiten ausspricht, solange diese eine psychologische Begleitung des Forums akzeptieren.
Indizierung und Zensur
Ich bin allgemein kein Freund der Indizierung, denn sie ist wirkungsarm und in vielen Fällen überzogen. In diesem Fall kann ich die Begründung aber absolut nachvollziehen. In diesem Fall war die Indizierung ein Schritt der Notwendigkeit. Den Antrag, der sie angestoßen hat, zu ignorieren wäre nicht nur falsch gewesen, sondern hätte auch dem Grundgebot des Jugendschutzes widersprochen. Die BPjM hätte nicht anders handeln können und sollen.
Dass in Folge dessen das Blog nicht einfach für Jugendliche gesperrt, sondern gelöscht wurde, liegt nicht an der Indizierung an sich, sondern an den schlechten Rahmenbedingungen, die keine einfache, kostenlose und adequate Altersverifikation oder eine andere Art von Sicherheitsmechanismus ermöglichen. (Abgesehen davon war die Autorin des Blogs eventuell selbst minderjährig.)
Ich verstehe die Sorge vor Zensur. Gerade wenn parallel mit dem Datenschutz und der staatlichen Kontrolle viel Scheiße gemacht wird. Stichwort Vorratsdatenspeicherung, Stichwort Filtersoftware gegen Kinderpornographie bei Internetprovidern, die einmal Installiert auch für jede andere Art von Filterung missgebraucht werden könnte.
In diesem Fall ging es aber nicht um einen allgemeinen Jugendschutz, sondern um den speziellen Schutz einer speziellen Gruppe von Jugendlichen, mit einem Hang zu einer gefährlichen Erkrankung.
Diese konkreten Fälle machen eine allgemeine Diskussion zum Thema Jugendschutz im Internet schwierig. Sie aber als populistischen Aufhänger abzutun und sich in bequemen politischem Lagerdenken bzw. Extrempositionen wie Informationsanarchie oder totalitärer Kinderkontrolle zu verschanzen, bringt niemandem weiter. Ich fand die Hysterie in vielen Blogs – z.B. bei Stefan, der aber auch die unsinnigen Nebenfolgen einer Indizierung aufzeigt – bedauerlich, denn sie wird dem Thema nicht gerecht. Wie Johnny am Ende seines Artikels richtig feststellte, ist es eine schwierige Diskussion, der sich die Gesellschaft stellen muss, um Lösungen zu finden, die über wirkungsarme Indizierung und vereinfachendes Schwingen der „Achtung, Zensur!“-Keule hinausgehen.
Die ursprüngliche Überschrift dieses Eintrages hieß: „Warum Pro-Ana-Texte nicht toleriert werden dürfen“. Ich habe mich für eine weniger offensive Überschrift entschieden, um nicht missverstanden zu werden. Eine spätere Reflektion dieses Eintrages, findest du hier.
Die Nachricht der Indizierung eines Pro-Ana-Blogs durch die BPjM wird gerade durch das Dorf der Deutschen Blogosphäre getrieben. Die meisten Kommentatoren sehen die Indizierung negativ und befürchten hier den möglichen Anfang weiterer „Zensuren“ (eine Indizierung ist kein Synonym für Zensur) im Netz. Spreeblicks Johnny vertritt die etwas schmal besetzte Gegenposition. Ich schließe mich ihm an.
Bevor ich jetzt vielleicht gemeuchelt werde: Ich sehe die Sache aus einer anderen Perspektive. Mir geht es weniger um das allgemeine Problem der Indizierung, Sorge vor Zensur, Liberalismus oder die Frage nach der pragmatischen Realisierung von Zugangskontrollen. Mir geht es ganz konkret um diese Pro-Ana-Scheiße. Und warum ich als Provider Pro-Ana-Seiten selbst schließen würde.
Pro-Ana ist ein Internet-Phänomen. Ana kommt von „Anorexia nervosa“, dem Fachbegriff für Magersucht, darf aber nicht als ein Synonym für Magersucht missverstanden werden. Pro-Ana-Seiten bilden eine Art Social Network, auf denen an Magersucht Erkrankte sich gegenseitig in ihrer Erkrankung hochsteigern. Magersucht wird dort zu einer Lebenseinstellung verklärt. Die 10 Gebote Anas oder der Brief an Ana sind Texte, die sich auf praktisch jeder Pro-Ana-Seite finden und radikal dazu auffordern, nichts zu essen. „Man kann nicht dünn genug sein.“ und „Ana hasst dich, wenn du isst“ sind noch das harmloseste, was man dort findet. Neben Texten beinhalten die Seiten vor allem auch Fotos von extrem dünnen Magersüchtigen.
Nun, natürlich wird niemand magersüchtig, wenn er eine solche Website aufruft. Aber darum geht es auch gar nicht.
Pro-Ana richtet sich an Menschen – vorwiegend junge Mädchen –, die bereits latent magersüchtig sind oder einen Hang zur Magersucht haben. Magersucht ist ein mehr oder weniger langsam fortschreitender Prozess, der meistens durch ein geringes Selbstwertbewusstsein bzw. ein überzogene Selbstansprüche angetrieben wird. Pro-Ana-Seiten richtigen sich gezielt an diese Gefühle. Die Betroffenen auf der anderen Seite suchen solche Gemeinschaften, in denen sie sich verstanden fühlen. Im Gegensatz zu Gemeinschaften, in denen man hauptsächlich Trost und Unterstützung findet, verklärt Pro-Ana Magersucht aber zu etwas wünschenswertem und großartigem. Kritik oder neutrale Hinweise zu Magersucht finden sich dort praktisch nicht.
Ich habe bei Betroffenen erlebt, dass solche Inhalte „triggern“ können, also den inneren Drang zur Magersucht schubweise auslösen können. Deswegen darf man diese Pro-Ana-Scheiße Kindern nicht zugänglich zu machen. Da Kinder mit einem Hang zur Magersucht ihren Eltern eh nichts von ihren Problemen erzählen würden, können solche Seiten für sie zum einzigen Anlaufpunkt werden und diese Krankheit verschlimmern.
Indizierung und die BPjM sind ineffektiv und allgemein keine gute Lösung. Generell ist die Freiheit des Internets wertvoll und muss geschützt werden. Aber man darf sich dadurch nicht zu übertriebenem rhetorischen Aktionismus verleiten lassen und blind die Zensurkeule schwingen. Im Fall Pro-Ana handelt es sich nicht um alternative Informationen jenseits des Mainstreams oder einen individuellen Lebensstil. Es ist ein Netzwerk von Erkrankten für Erkrankte, in denen sie ohne therapeutische Begleitung ihre Krankheit gegenseitig steigern. Solche Seiten zu indizieren ist weder verwerflich, noch schwierig, sondern notwendig.
Update
Bei Spreeblick hat die Diskussion den Punkt aufgegriffen, dass Pro-Ana-Seiten Magersüchtigen einen Ort anbieten, an dem sie ohne Bewertung Außenstehender mit Gleichgesinnten über sich reden können, wofür sie gegenüber einem Therapeuten noch nicht in der Lage sind. Ich stimme absolut zu, dass solche Orte sehr wichtig sind und vorhanden sein sollten.
Pro-Ana ist aber eben nicht nur das. Pro-Ana-Texte sind nicht einfach ein Selbstausdruck von Magersüchtigen. Sie richten sich gezielt an andere Magersüchtige, stellen konkrete, dogmatische und destruktive Handlungsanweisungen auf und schüren bei Verstößen Gewissensbisse. Es sind schlicht gezielte Trigger: Reize, die einen krankhaften Schub auslösen können. Sei es der Schub zu Kotzen, sich selbst zu verletzten oder eine Woche nichts zu essen. Es gibt zahlreiche Online-Communities, die Jugendlichen mit Magersucht und ähnlichen psychischen Problemen einen anonymen und ungebundene Ort zum Treffen Gleichgesinnter anbieten. Praktisch allen ist gemein, dass solche Trigger höchst vorsichtig behandelt werden und ihr offenes Posten von den Mitgliedern unerwünscht ist. Denn Trigger helfen nicht, sie dienen nur, die Krankheit anzufeuern.
Deswegen gehören Pro-Ana-Texte weiterhin indiziert, wie auch immer sich eine Alterssperre nun sinnvoll umsetzten lässt. Wer Volljährig ist, soll sie sich immer noch anschauen dürfen.
Für Kinder und Jugendliche (und Volljährige) gibt es genug einfühlsamere Orte, an denen sie sich kommunizieren können, ohne mit manipulativen Triggern beworfen zu werden und durch die sie bei Wunsch auch Kontakt mit Therapeuten bekommen können.
Man liest überall, das Leben des modernen Menschen würde als eine Abfolge aufeinander folgender Krisen verstanden, durch die man sich orientierungslos irgendwie durchwurstelt. Der Begriff Quarterlife Crisis war mir trotzdem neu.
Da bekommt man den Eindruck, der heutige Mensch müsse bei seinem Begräbnis das gleiche Lächeln auf dem Gesicht haben, wie ein Marathonläufer beim Erreichen der Ziellinie – aber nur kurz, um sich anschließend im Jenseits noch mit dem schlechten Benchmark seiner erbrachten Leistung zu deprimieren.
Vielleicht sollte man seine Wahrnehmung schärfen, um substanzlosen Leistungspopulismus und leere Leistungsdarstellung von gesundem und produktivem Ehrgeiz trennen und alles ein wenig gelassener und mutiger sehen.
Wie die Zeit richtig bemerkt, ist das sicher sinnvoller, als sein Leben als in klinisch definierte Phasen gießen zu lassen. Denn dadurch entsteht die Gefahr, die Probleme des Lebens zu stark zu überzeichnen. Probleme hatte der Mensch schließlich schon immer. Aber durch psychologische Buzzwörter werden oft neue geschaffen, die vorher nicht da oder schlichtweg normaler Teil des Lebens waren.