Soziologie

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Das „Fiction“ in Science-Fiction

21. Januar 2009

Nie vergessen: Science-Fiction ist immer noch eben Fiktion. Und gerade in unserer Zeit, in der Technologie und Wissenschaft immer komplexer werden, ist Science-Fiktion oft oberflächlich, übertrieben und schlicht und ergreifend falsch. Eben hauptsächlich Unterhaltung. Umso vorsichtiger sollte man sein, wenn Schriftsteller ohne technisches und naturwissenschaftliches Fachwissen über die Zukunft fantasieren.

Das war der Sicherheitshinweis, jetzt der eigentliche Text: Susan Blackmore – Psychologin, Parapsychologin(!) und Schriftstellerin – malt sich bei SpON eine düstere Zukunft aus, in der Maschinen zu Replikatoren geworden sind. Also zu Objekten, die sich selbstständig erhalten und vervielfältigen können. Auf solche Maschinen würde der Mechanismus der Evolution greifen können, so wie beim biologischen Leben. Natürlich führe das für uns jämmerliche Menschen direkt ins Armageddon des Aussterbens durch Verdrängung. (Immerhin gibt es den T800 und John Connor nur in Hollywood…)

Nanotechnologie und selbst-reparierende Serversoftware ist natürlich ein deutliches erstes Zeichen dieser dramatischen Entwicklung…

Marvin

Life? Don't talk to me about life!

Das ist natürlich Unsinn. Dieses naive Technikbild ist soziologisch bekannt und entsteht aus der Projektion vertrauter Eigenschaften auf eine Technik, die oberflächlich wie etwas Bekanntes erscheint. Nanotechnologie erinnert z.B. an Viren. Sich reparierende Software an einen heilenden Organismus, und so weiter. Das funktioniert prima, solange man Technik als Blackbox begreift. Intern funktionieren die Sachen natürlich völlig anders.

Künstliche Intelligenz z.B. ist nur eine Methapher für eine Familie algorithmischer Problemlösungen. Von einer echten künstlichen Intelligenz, die im Sinne menschlicher Intelligenz zu verstehen ist, sind wir absurd weit entfernt. Wie sollten wir auch anders, wenn wir noch nichtmal unsere eigene Intelligenz völlig verstehen. (Manche sagen, da gäbe es nichts zu verstehen.) Ebenso sind wir absurd weit davon entfernt, biologische Organismen mechanisch nachzuahmen. Blackmore überstrapaziert hier das Evolutionsmodell.

Wenn man kein Spielverderber sein will, kann man die künstliche Intelligenz beiseite lassen und sich technische Replikatoren vorstellen, die sich ohne Intelligenz, sondern nur durch zufällige Variationen und einen Selektionsmechanismus entwickeln. Beim Leben hat diese Evolution über einen gigantischen Zeitraum gewirkt. Bei technischen Replikatoren wäre das kaum anders. Für Blackmore sieht die Sache natürlich viel dramatischer aus.

Wir wären dann entbehrlich. Damit würde sich wirklich alles verändern.

Aber Science-Fiction-Autoren hatten ja schon immer Freude an Weltuntergangs-Fantasien.


Humanität ohne Gott?

16. Januar 2009

Im Cicero-Magazin stellt dieser Artikel den altbekannten Anspruch auf, dass eine Ethik nur auf religiösem Fundament existieren kann und schmeißt als Beleg mit statistischen Daten um sich. Abgesehen davon, dass auch für die Gegenposition genug statistische Daten existieren, ist festzustellen: Die grundlegenden Fragen werden bei dieser stumpfsinnigen Interpretation einer einzelnen Umfrage nicht diskutiert.

  1. Wer definiert religiöse Werte? Von göttlicher Eingebung kann nicht die Rede sein, wenn man sich das teilweise absurde Chaos in den Schriften, den Organisationen und der Geschichte anschaut, durch die Religionen konstituiert werden. Haben unsere Deutschen Schmuse-Christen recht, oder doch eher Fundamentalisten, wie man sie überall auf der Welt findet? Hatten die Christen des Mittelalters recht, oder haben moderne Christen recht? Ist die Vorstellung eines religiösen Konsens von Werten nicht nur eine Illusion, hinter der sich sozial konstruierte Wertvorstellungen befinden, die keiner religiösen Inspiration benötigen?
  2. Soll man sich damit zufrieden geben, dass Ethik hauptsächlich deswegen befolgt wird, weil eine übernatürliche Richterinstanz nach dem Tod mit Sanktionen droht? Sollten Werte nicht deswegen gelten, weil man sie für sinnvoll erachtet? Sollte die Bildung einer aufgeklärten Kultur dieses Denken über Moral nicht generell – losgelöst vom Übernatürlichen – fördern, statt es wie selbstverständlich und aus Tradition religiösen Strömungen zuzusprechen?

Die eindimensionale Abfertigung der Debatte um Euthanasie im Artikel z.B. zeigt, wie man einen schwierigen moralischen Sachverhalt durch religiöse Legitimation simplifizieren kann. Leben wird eindimensional und generell als etwas heiliges deklariert. Dass ein Mensch, der schwer leidend z.B. einer degenerativen Nervenkrankheit ausgesetzt ist, sein Leben selbstbestimmt beenden können sollte, scheint in diesem Licht nicht mehr diskussionswürdig zu sein.

Im Endeffekt wirft der Artikel die Frage auf, was wichtiger ist: Die schwierige Suche nach Wahrheit, oder Opium für das Volk. Eine mir sympathische Antwort liefert dieses Video:


Können Maschinen denken?

22. August 2008

Die meisten von euch dürften beim Lesen dieser Frage als erstes Bilder aus der Science-Fiction, von sprechenden Computern und menschenähnlichen Robotern im Kopf haben. Zu den bekanntesten Geschichten, die diese Frage im Kern haben, gehören die Roboter-Erzählungen von Isaac Asimov, aus denen auch seine bekannten Drei Gesetzte der Robotik stammen und auf deren Grundlage beispielsweise der Film I, Robot basiert.

Der Androide Data

Ein anderes Beispiel ist der Androide Data aus Star Trek: The Next Generation und die vielen Episoden, die sich mit der Frage nach seiner Menschlichkeit beschäftigten. Für die Zuschauer dürfte in Datas Fall die Antwort meist eindeutig gewesen sein – sein Charakter war einer der beliebtesten der Franchise und auch mein Favorit. Er galt schon von Anfang an kaum als Maschine, sondern mehr als Mensch in Ausbildung.

„Können Maschinen denken?“ Diese Fiktionen behandeln diese Frage auf metaphysischer Ebene. Zu einer konkreten Antwort gelangt man so kaum. Man kann ja schon die Vorbedingungen nicht klären: „Was ist Denken?“ und „Denken wir Menschen oder ist das nur eine Illusion?“ Man kann sicher ewig darüber diskutieren, ohne zu einer handfesten Erkenntnis zu kommen.

Für die Soziologie ist die Frage trotzdem von Relevanz. Schon früh wurde erkannt, dass Technik das Soziale substituieren kann, also in die Rolle anderer Menschen und Normen schlüpfen kann und damit Teil des sozial Relevanten ist. Beispiel: Welchen Unterschied gibt es zwischen einer Ampel und einem Verkehrspolizisten? Beide interagieren mit anderen Menschen und erreichen das gleiche Resultat. Beide repräsentieren die gleichen Normen. 

Die Frage ist nur: Handelt die Ampel? Beim Polizisten würde man sicher „Ja“ sagen, obwohl er nicht viel anderes macht, als die Ampel. Auch er folgt Regeln. Man könnte ihm im Gegensatz zur Ampel die Freiheit des freien Willens zusprechen, aber das ist bei näherer Betrachtung auch nur eine Illusion. Er muss seine Regeln befolgen. Tut er das nicht, wäre das auch nichts anderes, als eine Fehlfunktion der Ampel – welche man nicht als Freiheit bezeichnen würde. Unterschiede zu ziehen ist also schwer.

Wenn man sich nicht sicher sein kann, ob die Ampel handelt, führt einen das direkt zur Frage „Wenn Maschinen vielleicht auch ‚handeln‘, können wir ausschließen, dass sie auch denken können?“ Die Ampel ist hierfür sicher ein simples Beispiel. Aber bei moderner Software wird es z.B schwieriger. Finanzgeschäfte  werden heutzutage teilweise „autonom“ von Programmen getätigt. Ihnen sind durch die Algorithmen zwar Rahmen aufgelegt. Aber sie haben die Autonomie, auf verschiedenen Wegen ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Sie erfassen die Situation, wägen Parameter ab und entscheiden.

Hier Denken zu reden, ist sicher zu metaphysisch und überzogen. Aber immerhin rütteln diese Vorstellungen an der Vorstellung und an der Begrifflichkeit von der „funktionierenden Maschine“ auf der einen und dem „handelnden Menschen“ auf der anderen Seite. Eine pragmatische Sichtweise hat Alan Touring eingenommen, um diese Frage für konkrete Maschinen zu beantworten. Er schlägt folgenden später nach ihm benannten Touring-Test vor:

It is not difficult to devise a paper machine which will play a not very bad game of chess. Now get three men as subjects for the experiment. A, B and C. A and C are to be rather poor chess players, B is the operator who works the paper machine. Two rooms are used with some arrangement for communicating moves, and a game is played between C and either A or the paper machine. C may find it quite difficult to tell which he is playing.

We now ask the question, „What will happen when a machine takes the part of A in this game?“ Will the interrogator decide wrongly as often when the game is played like this as he does when the game is played between a man and a woman? These questions replace our original, „Can machines think?“

Wenn wir Maschinen also so wahrnehmen, als würden sie denken, ist es egal, ob sie wirklich denken oder nicht. Die Auswirkungen für uns sind die gleichen. Eine elegante Definition. Soziologisch kann man diese Interaktionsweisen zwischen Mensch und Maschine als qualitativ ähnlich zu rein menschlicher Interaktion auffassen und von sozio-technischen Interaktionsgeflechten sprechen, in denen Technik in Bezug auf ihre Interaktionspartner denkend und handelnd gleichwertig ist.

 Wir können also ruhigen Gewissens denken, dass uns unser Computer absichtlich ärgert. Und ihn entsprechend beschimpfen. Armer PC-Guy.

Hi, I'm a PC



Simulation des Sozialen

15. Juli 2008

Die Informatik modelliert und geht mit Modellen um. Eine Simulation ist die Berechnung von Prozessen in Modellen und die Abbildung der Ergebnisse in die Realität. Für die Natur- und Ingenieurwissenschaften funktioniert das ziemlich gut: Der A380 wurde praktisch komplett im Computer simuliert, bevor der erste Prototyp gebaut wurde – und gleich perfekt flog.

Das Thema der Simulationen ist auch in anderen Disziplinen zu Hause, auch wenn es dort nicht so lange wohnt, wie bei den Ingenieuren. Die Betriebswirtschaftsleerelehre mit ihrem Anspruch, zu kontrollieren und zu determinieren, z.B. nutzt Simulationen. Auch bei der weises Großmutter der BWL, die Soziologie, sind computergestützte Simulationen immer stärker im Gespräch; das ganze nennt sich Sozioinformatik. Dieses Semester liefen mir in Seminaren meines Nebenfaches Soziologie zwei Beispiele über den Weg, z.B das ältere und von den Autoren in Fortran implemenierte Garbage Can Model. Die ersten Fragen die sich dabei stellen:

  1. Lassen sich vorhandene Theorien der Soziologie überhaupt simulieren?
  2. Wenn ja, inwiefern ist eine Abbildung der Simulation auf die Realität möglich?

Schaut man sich vorhandene Theorien an, kann man die erste Frage meist verneinen. Die meisten Soziologen versäumen es, sich in ihren Theorien Gedanken über einen logisch abgeschlossenen Algorithmus zu machen.

Das ist ein fataler Fehler, auch wenn die Theorie gar nicht erst den Anspruch stellt, als Schablone für eine Simulation der Realität dienen zu können – was in der Soziologie auch gar nicht sinnvoll ist. Die Distanz zwischen Modell und Modelliertem ist in der Soziologie weit größer, als in den Ingenieurwissenschaften. Während eine physikalische Formel zur Simulation der Realität sehr zweckmäßig und hinreichend akkurat ist, lassen soziologische Modelle weit mehr Attribute aus. Was nicht verwundert, da das komplette menschliche Verhalten zu komplex ist, um in eine Formel gesteckt werden zu können.

Um mit Luhmann zu sprechen: Theorie und Realität sind nur lose gekoppelt. Theorien geben Denkhinweise, wie die Realität zu verstehen sein könnte, erheben aber nicht den Anspruch, alles zu erklären oder auch nur ohne Widerspruch zur Realität zu sein.

Warum also braucht man dennoch einen Algorithmus in soziologischen Theorien, wenn man doch eh nicht simulieren kann? Um die logische Abgeschlossenheit zu testen. Informatiker wissen, dass das, “was ja völlig logisch ist”, schwankt, wenn man es auf den theoretischen Prüfstand stellt, es mathematisch formuliert und berechnet. Ebenso sollte eine soziologische Theorie sich einer Prüfung im Rahmen ihrer eigenen Aussagen stellen. Wenn man diese Aussagen mathematisch formulieren kann, kann man sie im Computer simulieren – und damit testen, ob die Theorie stabil ist, oder ob es Lücken gibt, auf die man sonst so nicht gestoßen wäre. Der Computer hat den Vorteil, alle “Alternativen” bedenken zu können.

Gut, dass die RWTH die Interdisziplinarität mit den Geisteswissenschaften im Rahmen der Exzellenzinitiative wieder fördert. Im Wechselspiel von Geistes- und Ingenieurwissenschaften findet sich viel mehr Fruchtbares, als man voreilig vermuten würden.


Fields arranged by purity

14. Juli 2008