Studium
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Ich schreibe ja gerade meine Diplomarbeit über das Thema der Modellierung von Produktlinien automobiler Software. Klingt trocken? Ist nicht so. Man kann es sehr einfach modellieren. Stellt euch die Software in einem Auto als eines großen Haufen verschiedener einzelner Funktionen vor. Das können z.B. die Zentralverrieglung und ihre Teilfunktionen, wie das Verriegeln der linken Tür und die Steuerung des dafür zuständigen Elektromotors sein. Verbindet nun in Gedanken alle jene Funktionen mit einem Strich, die irgendwie miteinander zu tun habe. Also z.B. die Funktion des Navigationsystems, eure Position zu bestimmen, mit der Funktion des GPS-Steuergeräts und der Funktion der Signalantenne. Als Ergebnis bekommt ihr ein sg. Bordnetz; das Netzwerk aller Fahrzeugfunktionen und ihrer Abhängigkeiten. Das sieht dann z.B. für einen wenige Jahre alten BMW so aus:

Jetzt habt ihr ungefähre Vorstellung, wie komplex recht normale Fahrzeugsoftware ist. Wenn ihr in einer aktuellen Mercedes S-Klasse die Fahrertür öffnet, werden über 50 verschiedene Systeme angestoßen. Dieses Chaos zu verstehen und zu beherrschen, es so darzustellen, dass man praktisch etwas kapieren kann, darum geht es.
Dieses Bordnetzwerk ist im Vergleich zu unserem Gehirn übrigens von absurd lächerlicher Komplexität. Wie ein Sandkorn im Vergleich zu einem Strand. Wenn man diesen Vergleich konkret vor Augen geführt bekommt, fragt man sich jedes Mal, warum Gegner des Naturalismus ein solch faszinierendes und unfassbar komplexes Netz aus hunderten von Millarden von extrem stark vernetzten Neuronen als „nur Atome und bewegte Materie, aus dem keine Seele entstehen kann“ abwerten.
Ich bin wieder zu Hause – zumindest länger als nur 6 Stunden am Stück – nach 5 Wochen Pendeln zwischen Aachen, Bonn und Bochum. Das Praktikum hat eine Menge Spaß gemacht, auch wegen der eher seltenen Gelegenheit mit Objective C und für eine Apple-Plattform zu entwickeln (und das Produkt von unserem persönlichen Steve-Jobs-Fake präsentieren zu lassen).
Das nächste Mal nehme ich mir eine Wohnung oder ein Zimmer für einen Monat, anstatt mit der Bahn zu pendeln. Verspätete volle Züge sind auf Dauer nicht auszuhalten.
Erkenntnisse:
- Nutellabrötchen sind keine langzeittaugliche Ernährung
- Egal wie laut die an CruiseControl angeschlossene Sirene ist, jemand commited trotzdem Code, der die Tests nicht besteht
- Nicht alles, was auf dem iPhone Simulator läuft, läuft auch auf dem iPhone (Kein NSXMLDocument, kein NSPredicate, …)
- Exception-driven development > Test-driven development
- Evolving architeture + non-experts = Jede Woche alles komplett umschmeißen
- Ruby on Rails als Gameserver ist komisch, aber funktioniert
- Der Post-It- und Papierrollenverbrauch von Agile-Development-Teams ist der Nagel zum Sarg der Waldbestände
- Verlasse dich auf Pizzadienste und du bist verlassen
- Am Anfang weiß jeder, dass Tests wichtig sind, in der Mitte vergisst es jeder, und am Ende fällt es einem schmerzlich wieder ein.
- BÄM!
Ich nehme ja gerade an einem “eXtreme Programming” Praktikum am B-IT in Bonn teil. Unter diesem eher seltsamen Begriff versteht man einen flexiblen, in kurze Zyklen strukturierten Software-Entwicklungsprozess, der sich durch dichte Kommunikation und Pair-Programming auszeichnet.
Macht bislang viel Spaß. Bringt aber mit sich, dass ich dank der notwendigen Bahnfahrten nur 7 Stunden pro Tag zu Hause bin bzw. diese 7 Stunden schlafe. Am Wochenende bin ich praktisch immer bei meiner Freundin in Bochum.
Ich bin ein Nomade.
Man liest überall, das Leben des modernen Menschen würde als eine Abfolge aufeinander folgender Krisen verstanden, durch die man sich orientierungslos irgendwie durchwurstelt. Der Begriff Quarterlife Crisis war mir trotzdem neu.
Da bekommt man den Eindruck, der heutige Mensch müsse bei seinem Begräbnis das gleiche Lächeln auf dem Gesicht haben, wie ein Marathonläufer beim Erreichen der Ziellinie – aber nur kurz, um sich anschließend im Jenseits noch mit dem schlechten Benchmark seiner erbrachten Leistung zu deprimieren.
Vielleicht sollte man seine Wahrnehmung schärfen, um substanzlosen Leistungspopulismus und leere Leistungsdarstellung von gesundem und produktivem Ehrgeiz trennen und alles ein wenig gelassener und mutiger sehen.
Wie die Zeit richtig bemerkt, ist das sicher sinnvoller, als sein Leben als in klinisch definierte Phasen gießen zu lassen. Denn dadurch entsteht die Gefahr, die Probleme des Lebens zu stark zu überzeichnen. Probleme hatte der Mensch schließlich schon immer. Aber durch psychologische Buzzwörter werden oft neue geschaffen, die vorher nicht da oder schlichtweg normaler Teil des Lebens waren.